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Unten wohnen, oben schwimmen

27.04.2013 | 18:15 |  von Mirjam Marits (Die Presse)

Wohnhäuser mit Pool auf dem Dach gibt es in Wien öfter, als man glaubt. Ein Dachschwimmbad ist allerdings nicht unbedingt ein Phänomen der Oberschicht – eher im Gegenteil.

Dieser Tage verlieren die städtischen Bäder in Wien-Favoriten wahrscheinlich mehrere hundert Badegäste. Denn die Mieter, die derzeit die neue Siedlung in der Raxstraße beziehen, müssen zum Schwimmen nicht mehr in ein Freibad fahren: Auf dem Dach der eben bezugsfertig gewordenen Wohnanlage mit 356 geförderten Miet- und Eigentumswohnungen befindet sich ein Pool samt Kinderbecken.

Denn, nein, Dachpools sind, so luxuriös das auch klingen mag, kein Phänomen, das den Reichen und den besten Wohngegenden vorbehalten ist. Zumindest nicht in Wien. Eher im Gegenteil: Hier findet man die großen Dachschwimmbäder in der Mehrzahl auf ganz normalen Siedlungen und nicht unbedingt in exklusiver Lage – und das schon seit den 1970ern: Zu den ersten Wohnanlagen, die sich mit gleich sieben Pools auf dem Dach rühmen kann, zählt der Wohnpark Alt Erlaa in Liesing. Der vermutlich erste große Dachpool entstand auf einer Siedlung in der Inzersdorfer Straße.

Verantwortlich für beide Projekte war der Architekt Harry Glück, den man ohne Übertreibung den Pionier der Dachpools in Wien nennen darf. Allein er und sein Architekturbüro haben mehr als 50 Wohnanlagen mit Schwimmbecken auf dem Dach realisiert. Längst entwerfen auch andere Architekten Wohnanlagen mit Bademöglichkeit auf dem Dach.

„Der Zugang zum Wasser ist ein Antrieb des Menschen, den die Evolution uns einprogrammiert hat“, sagt Glück. Die Stadt Wien sieht das ähnlich: Auf zwei Gemeindebauten und mehreren von der Stadt geförderten sozialen Wohnbauten gibt es Dachschwimmbäder. „In Europa sind wir überhaupt die einzigen, die Dachpools auf sozialen Wohnbauten haben“, sagt Glück.

Im Vorjahr wurden zwei (geförderte) Siedlungen – darunter das Prestigeprojekt „Bike & Swim“ in der Vorgartenstraße – eröffnet, heuer soeben die eingangs erwähnte Raxstraße. Auch im neuen Stadtteil rund um den Hauptbahnhof wird derzeit eine Siedlung mit Schwimmbad auf dem Dach errichtet, die 2014 bezugsfertig sein soll.

Erschwingliche Kosten. Ein Schwimmbecken für eine Wohnsiedlung ist für Glück aber nicht nur eine Sportmöglichkeit. Ihm geht es auch um die soziale Komponente: Ein Dachpool als Kommunikationsort und Treffpunkt, der die sozialen Unterschiede der Bewohner verbirgt, denn: In Badehose unterscheidet sich der Manager nicht vom einfachen Arbeiter.

So weit der ideelle Teil. Der reale – die Kosten für den Luxus auf dem Dach – sei gar nicht so unerschwinglich, wie man gemeinhin glauben mag. „Bei einer intelligenten Planung macht ein Dachschwimmbad weniger als drei Prozent der Baukosten aus“, sagt Glück. Auch die laufenden Erhaltungskosten seien nicht so hoch, wie viele glauben, bei Häusern mit 200 Wohnungen würden die Kosten pro Haushalt so gering sein, dass sie in den Betriebskosten gar nicht extra angeführt werden. Das Wasser des Beckens werde zwar beheizt und muss gereinigt werden, sonst halten sich die Ausgaben aber in Grenzen, da bei einem Freiluftbecken anders als im Hallenbad kaum zusätzliche Kosten für Heizung oder Belüftung entstehen.

Allerdings lässt sich ein Schwimmbecken nur in den seltensten Fällen auf ein bestehendes Haus bauen. „Das ist fast unmöglich“, sagt Glück. Nicht nur wegen der Statik, auch aus Platzgründen, denn oft seien auf bestehenden Dächern – so sie überhaupt flach sind – Ausläufer des Stiegenhauses, Kamine etc. so platziert, dass ein Schwimmbecken keinen Platz hätte. Platzmangel ist auch der Grund, warum es auf privaten Dachterrassen selten „echte“, betonierte Pools gibt, sondern kleine Whirlpools oder sogenannte Aufstellbecken. Glücks Pools haben eine Länge von mindestens 25 Metern, damit sie auch tatsächlich für sportliche Zwecke genützt werden können. „Sonst“, sagt er, „ist es ja ein Planschbecken.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2013)