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Kreativbüros: Nackte Wände oder Full Service

27.03.2014 | 18:37 |  von Wolfgang Knabl (Die Presse)

Schnell in einen Coworking Space einchecken oder in Eigenregie einen Elektrikerladen in eine Filmproduktionsstätte umwandeln: Für Unternehmen aus der Kreativwirtschaft gibt es viele Wege zum passenden Standort.

kreativbüro

Drei Schnittplätze, mehrere Räume mit Kameras und anderem Aufnahmetechnik-Equipment, Service-Werkstätten, hundert Quadratmeter Requisitenlager, dazu einige Büroplätze mit Schreibtischen: 400 Quadratmeter groß ist das Headquarter der Kubefilm in der Rückertgasse in Wien-Ottakring. Wo einst ein Elektrikerbetrieb angesiedelt war, werden seit 2010 High-End-Fernsehproduktionen wie „Universum“ oder „Kreuz und quer“ sowie Corporate Movies hergestellt. Gestartet haben die Geschäftsführer, Peter Kullmann und Florian Berger, die Kubefilm in einem 70-Quadratmeter-Büro im achten Bezirk. „Irgendwann sind wir dort aus allen Nähten geplatzt und mussten raus“, sagt Kullmann. „Wir entschieden uns für eine relativ billige Immobilie, in der am Anfang nicht viel mehr war außer nackten Wänden. So konnten wir die Fixkosten niedrig halten und aus dem Cashflow Schritt für Schritt in die nächste Ausbaustufe investierten.“

 

„Besondere“ Büros für Kreative

In einer Branche, in der am laufenden Band technische Investitionen notwendig sind, wachsen mit der Firma und den Büroflächen oft auch die Probleme. „Steigende Fixkosten können ein Unternehmen schnell in Schwierigkeiten bringen“, warnt Gerin Trautenberger. Der Gründer des Designerteams Microgiants ist seit 1992 als Art-Direktor tätig, widmet sich derzeit hauptsächlich kreativwirtschaftlichen Unternehmensstrategien. Seine Faustregel für die Suche nach der passenden Immobilie: Die Gesamtmiete inklusive IT sollte nicht mehr als die Kosten für einen Mitarbeiter ausmachen. Und wie man so etwas findet, weiß Michael Pisecky, Geschäftsführer von S-Real: „Die Umgestaltung von kleineren Gewerbeflächenclustern oder von Hinterhöfen ist naheliegender als die Nutzung von hochwertigem Wohnraum. Vor allem, da gerade im Kreativbereich ,besondere‘ Immobilien mit Flair gefragt sind.“ Wie repräsentativ ein Büro dabei sein soll, hänge davon ab, ob Kundentermine hier stattfinden und wie viel Komfort die Kreativen selbst brauchten. Trautenberger kennt „große Modeschöpfer, die in winzigen Büros arbeiten und dann pompöse Shows abliefern“.

 

Mehrwert Netzwerk

Etwa 38.400 Kreativunternehmen gibt es laut Creativ-Wirtschaft Austria in Österreich, meist sind es Klein- und Kleinstbetriebe. Der wachsende Anteil von Freiberuflern und digitalen Nomaden prägt auch das Arbeitsplatzverständnis der Branche. „Viele Unternehmen wachsen und schrumpfen projektbezogen und brauchen Immobilien, die das mitmachen“, erklärt Trautenberger. Das Interview findet via Skype statt, er ist in einem Office-Hotel in Schweden, wo er ein Beratungsprojekt leitet. „Im Prinzip kann jeder überall arbeiten. Seit einigen Jahren übersiedeln aber immer mehr Kreative vom Home Office in Kreativzentren und Coworking Spaces.“

Diese sind oft günstiger als ein eigenes Büro, sie bieten eine Büroinfrastruktur, lassen sich schnell mieten und wieder kündigen. Ein zentraler Vorteil sind die Synergien zwischen den Mietern, das Pariser Kreativzentrum La Ruche beispielsweise bildet den Mehrwert des vorhandenen Netzwerks sogar bewusst in höheren Mieten ab.

Kaum eine Woche vergeht, in der in Österreich nicht neue Kreativzentren oder Coworking Spaces eröffnen. In Wien bieten Coworking Spaces wie The Impact Hub, Stockwerk, Schraubenfabrik oder Co-Space sogenannte Shared Desks um etwas mehr als zehn Euro pro Tag. Im Glücksraum-Gemeinschaftsbüro sind die Arbeitsplätze nach Feng-Shui–Prinzipien eingerichtet, es gibt Massagen oder Chill-Qigong. Im exklusiven Neno können Instant Offices flexibel per Prepaid Card genutzt werden. In Salzburg wird die Panzerhalle der ehemaligen Struberkaserne zum Kreativzentrum umgebaut, 30 bis 40 Büro-Lofts entstehen.

 

Büros im Wandel der Zeit

Noch weiter westlich gibt es Bürozentren für „Neugestalter, Querdenker, Nischenfinder“ auch dank Bernhard Ölz' schon vergleichsweise lang. Ölz hat 1995 die Firma Prisma als Standort- und Regionalentwicklungsunternehmen gegründet. „Das Wichtigste ist nach wie vor, dass sich die Menschen am Arbeitsplatz wohlfühlen. Was sie dafür brauchen, ändert sich aber laufend“, erklärt Ölz. War Anfang der 1990er-Jahre eine schnelle Internetleitung ein attraktives Extra, sind dies heute Kinderbetreuungseinrichtungen und „alles, was Gemeinschaftsprojekte ermöglicht“. Während man im eigenen Büro unabhängig agieren kann, erleichtert die Nutzung von gemeinsamer Infrastruktur den Know-how-Transfer, das Kennenlernen, das gemeinsame An-Land-Ziehen von Projekten. „Da hat dann ein Kreativer einen Einzelplatz, übersiedelt mit anderen für ein Projekt innerhalb des Hauses in ein Viererbüro und dann wieder retour.“ Ab neun Euro pro Tag kann man in einem Prisma-Zentrum einen Arbeitsplatz inklusive Infrastruktur mieten. Für Start-ups sind die ersten sechs Monate mietfrei.

Web:www.prisma-zentrum.com,


 

www.workyourway.com,

www.schraubenfabrik.at

KREATIVE UNTER SICH

Hot Desks und Bootcamps sind Projekte für Gründer von Kreativunternehmen. Coworking Spaces stellen Arbeitsplätze und Infrastruktur (Drucker, Besprechungsräume etc.) auf Tages-, Wochen- oder Monatsbasis zur Verfügung und ermöglichen die Vernetzung der Mieter. Für bereits etablierte Kleinunternehmen auf Wachstumskurs sind repräsentative Office Hotels und Projekte von Immobilienentwicklern attraktive Angebote.

Creative Clusters sind die High-End-Klasse. Hinter diesen Projekten stehen professionelle Immobilienentwickler mit besonderen Büroangeboten für die Creative Industries.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2014)