Auf der Suche nach der Ewigkeit

15.01.2016 | 16:37 |  Von Elisabeth Postl (Die Presse)

Hausgeschichte. In der Thelemangasse in Wien-Hernals weigert sich ein Kulturverein, seine Räume zu verlassen. In dem alten Fabriksbau sind Luxuslofts geplant.

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Ewigkeitsgasse“ nannte Frederic Morton seinen Roman, in dem er die Geschichte der jüdischen Familie Spiegelglas erzählte. Aus einem matschigen Dorf in der Slowakei zog sie zur Gründerzeit in die staubigen Gassen der Kaiserstadt. Sie gründete eine Fabrik, die man ihr wegnahm, als „der Tag kam, an dem in Österreich die Hakenkreuze aufblühten wie Gänseblümchen“. Die Spiegelglas' mussten ebenfalls weg. Sie flohen in die USA. Die Fabrik blieb in Wien.

Autor Morton hieß eigentlich Fritz Mandelbaum, und die „Ewigkeitsgasse“ beschreibt die Thelemangasse: Morton, 2015 gestorben, meinte die Geschichte seiner eigenen Familie, das Schicksal ihrer „k. u. k. Orden- und Medaillenfabrik Mandelbaum“. 1887 eröffnete Frederic Mortons Großvater Bernhard Mandelbaum die Fabrik in der Thelemangasse 4 – benannt nach dem Architekten und Grundstücksmakler Friedrich Theleman –, 1938 emigrierte die Familie Mandelbaum in die USA, änderte den Nachnamen. Als Zwangsauflage musste sie die Fabrik an die Nationalsozialisten abgeben, die dort etwa Abzeichen für die Wehrmacht herstellten. Die emigrierte Familie Mandelbaum-Morton erhielt in den 1950er-Jahren ihre Fabrik (sowie ihren ganzen Immobilienbesitz in der Straße) wieder zurück und verkaufte den Betrieb an einen Herren Mühlberger, der sich von da an Frank Morton nannte. 2008 schloss die Metallwarenfabrik endgültig.

Angesagtes Hernals

Dann, 2010, zog der Kunst- und Kulturverein Mo.ë in die alte Fabrik ein und veranstaltet dort seither regelmäßig Ausstellungen, Performances und Konzerte. Während die Besitzer des Hauses wechselten, blieb der Mietvertrag von Mo.ë bestehen: befristet bis 31. Dezember 2015. Der aktuelle Besitzer der Liegenschaft, das Immobilienentwicklungsunternehmen Vestwerk, übernahm das Haus mit 1350 Quadratmetern Nutzfläche 2013. Vestwerk will dort bauen: Die Fabrikshalle soll in drei Luxuslofts verwandelt und die Nutzfläche auf 1950 Quadratmeter ausgebaut werden. 6,2 Millionen Euro investiert Vestwerk in das Projekt.

Doch gebaut wird noch nicht auf dem Areal; der Kulturverein will trotz ausgelaufenen Vertrags nicht ausziehen. Vestwerk und der Bezirk Hernals baten den Betreibern des Vereins Ersatzflächen an. Was von Mo.ë zuerst begrüßt wurde – aber im Sommer entschloss man sich, nicht wegzugehen, käme der Tag des Vertragsendes. Man wolle mit dem Nichtauszug einen Diskurs über die Rolle von Kunst für die Stadt, über das Handeln von Immobilieninvestoren, auch über den Umgang mit geschichtsträchtigen Gebäuden anregen.

Mit Vestwerk und dem Bezirk will man bei Mo.ë weiterhin verhandeln. Jetzt folgen erst einmal gerichtliche Schritte. Unter anderem, weil etwa Unklarheit darüber herrscht, ob der Kulturverein im Mietzinsrückstand liegt. Wann Vestwerk mit dem Umbau an der Adresse beginnen kann, weiß auch niemand: Im Vorderhaus der Fabrikshalle gibt es noch Bewohner mit unbefristeten Mietverträgen. Solange die Situation nicht geklärt sei, werde nicht gebaut, heißt es vonseiten der Entwickler.

Die den Standort Hernals schon als nächstes angesagtes Grätzel sehen. Die Vertreter des Mo.ë suchen derweil nach der Ewigkeit in der Ewigkeitsgasse.

Zum Ort

Die Thelemanngasse liegt im 17. Wiener Gemeindebezirk nahe dem Yppenplatz und wenige Meter vom Gürtel entfernt – in einem Grätzel, das sich zunehmend wandelt. Für eine Eigentumswohnung zum Erstbezug mit gutem Wohnwert zahlt man pro Quadratmeter 3575 Euro in guter Lage. Für Mietwohnungen mit gutem Wohnwert liegen die Quadratmeterpreise zwischen acht und neun Euro. [ Quelle: Immobilien-Preisspiegel 2015 ]

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3 Kommentare
Echtzeit
21.01.2016 20:23
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Kultur als Stadtenwicklungsimpuls

Es ist schon eine Never Ending Story in Wien: Kultur versus Immobilieninvestoren. Das zieht sich schon seit den Zeiten der legendären Besetzung des ehemaligen "Inlandschlachthof" in St. Marx, besser bekannt als ARENA, wie ein roter Faden durch Wiens Stadtenwicklungsgeschichte. Roter Faden deshalb, weil Wien anders als beispielsweise Hamburg, seine industrielle Vergangenheit vor Ort überwiegend als Tummelplatz für SPÖ-nahe Immobilienentwickler und deren Wertschöpfung durch Widmungs-Gewinne ansieht. 1976 beim ARENA-Areal war es der Textilhändler Josef Böhm welcher wegen guter Kontakte zur SPÖ den Zuschlag zur Errichtung eines Textilzentrum erhielt. Der Schlachthof wurde mitsamt der Kultur plattgewalzt, diese musste ausziehen. Böhm baute sein Großhandelszentrum, welches auf Grund des Entstehens großer Textilhandels-Ketten lange Zeit leer stand und nun sein Dasein als ein zu einem Dritte ausgelasteten Bürogebäude fristet. Nur 28% des gesamten Areals wurde verbaut, der Rest steht bis heute leer. Dennoch hat die Wiener SPÖ vor 3 Jahren eine Strasse errichtet und über Antrag der Landstrasser Bezirksvertretung Leopold Böhm-Strase benannt. Beim seinerzeitigen Deal mit der Stadt war auch ein Landstrasser Nationalrat (SPÖ) behilflich. Kein Wunder das die Bezirks-SPÖ, sogar Posthum ein gutes Geschäft durch Namensgebung belohnt. Nun kauft die Stadt nach 40 Jahren ihr Grundstück zurück um es an stadtnahe Imo-Entwickler weiter zu reichen. Freundschaft und Geschäft ist Geschäft
Echtzeit
21.01.2016 20:28
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Re: Kultur als Stadtenwicklungsimpuls


Sorry
der Textilgroßhändler heißt Leopold Böhm und nicht Josef.
Echtzeit
21.01.2016 20:27
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Re: Kultur als Stadtenwicklungsimpuls


Sorry
der Textilgroßhändler heißt Leopold Böhm und nicht Josef.