Panoramablick und die Frage von (Boden-)Kontakt

28.10.2016 | 17:09 |  Christian Scherl (Die Presse)

Vertikale Verdichtung lässt in Städten Wohnhochhäuser aus dem Boden schießen. Aber wie lebt es sich in einem Hochhaus?

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Die Aussicht ist der stärkste Pluspunkt, der für das Wohnen im Hochhaus spricht. Architekt Albert Wimmer hat lange Erfahrung im Hochhausbau, realisierte zum Beispiel den Monte-Verde-Tower am Wienerberg und gehört zum Planungsteam des heftig diskutierten Wohnhochhausprojekts Danube Flats in der Donaustadt. Er erinnert sich, einmal seine Tante, die in einem Wohnturm wohnt, gefragt zu haben, was sie daran so schätze. Ihre Antwort lautete: „Weil es nichts Schöneres gibt als, aus dem Alltag nach oben zu fahren und alles aus einem höheren Blickwinkel zu betrachten.“

Kontrolle und Erholungswert

Wohnpsychologe Harald Deinsberger-Deinsweger nennt dieses Phänomen Being away. Die Alltagssorgen bleiben im Erdgeschoß. „Mit der erhöhten Position werden bestimmte Urbedürfnisse gestillt. Der Mensch schätzt von Natur aus, Überblick und Kontrolle zu haben. Eine tolle Aussicht dazu unterstützt den Erholungswert“, erklärt der Psychologe. Nicht bei jedem Bewohner bleibt diese Wirkung aber konstant: „Je länger der Aufenthalt in einem Hochhaus dauert, desto stärker können sich Isolationssymptome einstellen.“ Ein Grund, weshalb Hansjörg Tschom, Architekt und ehemaliger Vorstand des Instituts für Wohnbau an der TU Graz, Wohnhochhäusern skeptisch gegenübersteht: „In den 1960ern und 1970ern, in denen sehr viel Wohnbauforschung betrieben wurde, fand ein englisches Ärzteteam heraus, dass bei Hochhausbewohnern psychosomatische Beschwerden vermehrt beobachtbar sind.“ Die vierte Etage gilt als magischer Punkt, weil visuell der Bodenkontakt verloren ginge. „Der Mensch benötigt Kontakt zu seinem unmittelbaren Lebensumfeld, und dieser fehlt in der Höhe“, meint der Wohnpsychologe. Diese Kritik zielt allerdings auf das klassische Standardhochhaus vergangener Jahre – mit soziofugaler Struktur, bei der Begegnung eher vermieden als gefördert wird.
Die modernen Hochhäuser hingegen, die in den vergangenen Jahren in den Stadtentwicklungsgebieten wachsen, arbeiten mit ihren verbesserten Gestaltungsmöglichkeiten möglichen Problemen entgegen. Ein Beispiel für einen Hochhausbau mit viel Begegnungsflächen etwa ist der Lux Tower, der bis Ende 2018 in der Linzer Innenstadt entsteht. „Das gesamte dritte Geschoß ist offen und als 400 Quadratmeter große begrünte Garten- und Begegnungszone gestaltet“, erklärt Anne Pömer-Letzbor von City Wohnbau. „Dazu wird in jedem dritten Stock ein kleiner Wintergarten integriert.“ Das scheint Bewohner anzusprechen, über ein Drittel ist bereits verkauft. „Wir verzeichnen in allen Etagen eine gute Nachfrage“, so Pömer-Letzbor.
Mit einer benutzerfreundlichen Architektur der sozialen Isolation entgegenzuwirken ist eine Kernaufgabe und eine Frage des richtigen Ortes, so Deinsberger-Deinsweger. „Wichtig ist, dass die Begegnungszonen an den richtigen Positionen platziert sind. Ein Gemeinschaftsraum im Keller reicht nicht aus, um Begegnungen zu fördern.“ Am zuträglichsten sieht der Psychologe das Wohnen im Hochhaus übrigens für junge, sogenannte Working Couples.

Stapel mit Strukturen

Architektonisch haben sich die Herausforderungen an das Wohnhochhaus in den vergangenen Jahren verändert, meint Architekt Wimmer: „Konzepte der Flexibilität, Qualitäten des Außenraumes wie Loggien oder Veranden, Begrünung der Terrassen, Balkone und Multifunktionsräume haben generell im Wohnbau Niederschlag gefunden.“ Architekten müssen lernen, Hochhäuser richtig zu lesen – sie „als eine gestapelte, übereinanderstehende Häuserstruktur begreifen“. Neben der technischen Machbarkeit muss vor allem über das Soziale und den alltäglichen Gebrauchswert nachgedacht werden. Das betrifft Stauräume (etwa „Kellerabteile“ im 20. Stock) ebenso wie Gemeinschaftsräume, Kinderspiel- und Fitness-/Wellnessbereiche in den unterschiedlichen Stockwerken, „damit jeder Abschnitt seiner Community gerecht wird“, folgert Wimmer.

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