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Grätzltour: Schauen, nachfragen, wissen

07.04.2017 | 17:47 |  Daniela Mathis (Die Presse)

Alles Villen und Parks? Was Unterdöbling interessant macht – jedenfalls für WienFakt-Blogger Thomas Harbich, der hier im Grätzel zuhause ist.

Harbich auf der Brücke im Setagaya-Park, einem seiner Döblinger Lieblingsplätze.
Harbich auf der Brücke im Setagaya-Park, einem seiner Döblinger Lieblingsplätze. / Bild: (c) DIMO DIMOV 

Schildkröten räkeln sich in der Sonne, Kois schwimmen im Teich, und jeden Frühling blühen Magnolien, Kirschen und Forsythien in duftender Hülle und Fülle: Im Setagayapark lässt sich schnell und nachhaltig das Hirn auslüften. Findet jedenfalls Geschichts- und Geografie-Student Thomas Harbich, und der sollte es wissen: Seit drei Jahren twittert er täglich Skurriles oder einfach Wissenswertes über Wien auf #WienFakt. 2392 Follower hat er mittlerweile, und „es gibt wohl kaum ein Magistrat, bei dem ich noch nicht vorstellig geworden bin.“ Denn wer wissen will, muss fragen. Und das tut (sich) Harbich, fällt sein Blick auf Ungewöhnliches. Etwa auf die gestrüppbewachsenen Ausbuchtungen bei den Gleisen unter der Brücke der 37er-Station Barawitzkagasse. Natürlich: Bahnsteige. Für den Fall, dass hier eine neue Station kommen sollte.

 

Tödliche Insekten-Tinktur

Der Park wurde 1992 angelegt, als Zeichen des Freundschafts- und Kulturabkommens zwischen Döbling und dem Tokioter Stadtteil Setagaya. Vorbei am denkmalgeschützten, 1908 im barock-sezessionistischen Stil errichteten und – mit dem Wissen um damalige Kinderschicksale – düster wirkenden „Gräfin Franziska Andrássysches christliches Waisenhaus“, bis 1999 Kinderheim der Stadt Wien, sind es nur ein paar Schritte zur Nusswaldgasse. Ein kleines, aber feines Idyll aus vergangenen Tagen. Nummer 22 entpuppt sich als Jugendstil-Kleinod (Villa Knips) von Josef Hoffmann, Nummer 15 und 18 sind Weinhauerhäuser anno 1866/1781. Und dann: die Zacherlfabrik. Die 1892 von Karl Mayreder erbaute Firma schaut, landläufig gesagt, aus wie eine Moschee. Doch alles stammt von hier: Die Fliesen für Dachkuppel und Fassade (samt arabisch anmutenden Zeichen, die aber nichts bedeuten) wurden in der Wienerberger Ziegelfabrik produziert. Hergestellt wurde im Werk „Zacherl's Insecten tödtende Tinktur“ („Zacherlin“), es lief großartig, Inhaber Johann Zacherl gründete Geschäfte in Paris, Konstantinopel, London und New York. Doch nach dem Ersten Weltkrieg ging es bergab, ab 1933 wurden Skibindungen hergestellt, 1958 alles geschlossen. „Zwischen 2006 und 2013 wurde das Gebäude mit dem großen Garten für Ausstellungen und Konzerte genutzt“, erzählt Harbich. Durch nicht erfüllbare behördliche Auflagen – neue Notausgänge und mehr wären notwendig geworden – dient es als Wohnung und Lager.

 

Fakten richtig lesen

Seit vier Jahren wohnt der 29-Jährige in Döbling und findet „alle Klischees erfüllt“: es sei ruhig hier, mit hohem Altersdurchschnitt, man sei schnell im Grünen. Doch der als sehr gutbürgerlich geltende Bezirk hat mit dem Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt und zahlreichen kleineren Gemeindebauten mehr Bevölkerungsmix als gedacht. Apropos denken: Fakten und Zahlen zu recherchieren und zu posten ist eine (aufwendige) Sache. „Es ist gar nicht so einfach, jeden Tag etwas zu finden“, so Harbich. Die Zahlen zu bewerten und Zusammenhänge herzustellen, eine andere. Vor vorschnellen Schlüssen sei jedenfalls gewarnt. Ein Beispiel: dass in Wien pro Kind eine Spielplatzfläche von 2,55 m2 vorhanden ist, pro Hund eine Auslaufzone von 19,9 m2, könnte man als kinderfeindlich interpretieren. Dass die Zahl der Spielplätze in zwei Jahren um 15 Prozent auf 981 angestiegen ist, aber umgekehrt. „Auf 140 Zeichen ist wenig Platz für mehr als Fakten“, wie Harbich bedauert. Und: „Sich kurz zu fassen hat meinen Schreibstil an der Uni beeinflusst.“

Und was ist Harbichs Lieblings-Döbling-WienFakt? Natürlich Gans Lilli. Sie machte es sich auf den Schienen der bis August 1970 in Sievering endenden Bimlinie 39 so bequem, dass sie der Fahrer wegtragen musste, um weiterfahren zu können. Ihr ist heute ein Denkmal auf der Sieveringer Straße (Höhe Karthäuser Straße) gewidmet.

ZUM ORT, ZUR PERSON

Döbling, dank Hanglage schon lange besiedelt (in der Rudolfinergasse wurde 1953 eine prähistorische Wohngrube, im Wertheimsteinpark 1957 Reste einer neolithischen Siedlung gefunden), gilt heute als gehobener Wohnbezirk mit entsprechenden Preisen für Einfamilienhaus (2695 Euro/m2 in mäßiger, 5420/m2 in Bestlage) oder Wohnung (rund 4500 Euro/m2 in guter Wohnlage).

Thomas Harbich twittert und bloggt seit rund drei Jahren täglich Fakten und Geschichten über Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2017)