Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentare Artikel senden Senden

Der Sonnengesang als Inspiration

14.04.2017 | 18:32 |  Ursula Rischanek (Die Presse)

In der Kirche in Neuhaus in der Wart fließen nach der Renovierung Innen und Außen nahezu nahtlos ineinander – dank der gläsernen Rückwand der Apsis.

Ganz luftig: Die renovierte Kirche in Neuhaus in der Wart. Die massive Apsis wurde entfernt, eine Glaswand öffnet nun den Blick nach außen.
Ganz luftig: Die renovierte Kirche in Neuhaus in der Wart. Die massive Apsis wurde entfernt, eine Glaswand öffnet nun den Blick nach außen. / Bild: (c) Tom Lamm 

In einem völlig neuen Licht präsentiert sich die Kirche in Neuhaus in der Wart (Bezirk Oberwart) nach ihrer Renovierung im Vorjahr. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Die massive Wand der Apsis, des polygonartigen Anbaus an das Kirchenschiff mit dem Altarraum, wurde weg genommen und durch eine Glaswand ersetzt, die ein zentrales goldenes Kreuz in vier Scheiben teilt. Innen und Außen gehen somit schwellenlos ineinander über. Auch, weil die Glaswand direkt im Boden verankert wurde.

„Wir konnten die Apsiswand nur entfernen, weil die 1958 erbaute Kirche nicht unter Denkmalschutz gestanden ist“, sagt Doris Dockner, die den Wettbewerb für die Neugestaltung gewonnen und das Projekt in Kooperation mit Maryann Vajdic und Herbst/Tritthart Architekten umgesetzt hat. Der Statik wegen musste jedoch der Dachstuhl entsprechend verstärkt werden.

Eine Wolke aus Kerzen

Verstärkt wird der Raumeindruck durch die ebenfalls neue Gestaltung des Innenraums: Weiß und Gold als Zeichen des Lichts bestimmen das Farb-, und Lichtkonzept. So wurde die Decke der Apsis in Gold bemalt, und auch das zentrale Kreuz in der Apsiswand leuchtet in der königlichen Farbe. Die Sedes, also die Plätze, auf denen Ministranten und Pfarrer sitzen, erstrahlen hingegen in Weiß. Altar und Ambo – hier hält der Pfarrer seine Lesung – bestehen auch aus Glas und zwar aus vertikalen Weißglasscheiben mit einer aufliegenden, ebenfalls gläsernen Platte.

„Der gläserne Altar ist jetzt keine Barriere mehr zwischen der Schöpfung und den Gläubigen“, ist die Architektin überzeugt. Zwei über den Kirchenbänken schwebende Gruppen aus Hängelampen mit jeweils 15 schlichten, zylindrischen Beleuchtungskörpern aus Glas betonen zusätzlich den leichten, luftigen Eindruck des Gotteshauses. Diese Leuchten wurden von jener Fachjury, die die Kirche nach ihrer Renovierung mit dem alle zwei Jahre verliehenen Architekturpreis 2016 des Landes Burgenland bedachte, als „gelungenes Gestaltungselement, vergleichbar mit einer Wolke aus Kerzen“ bezeichnet. Sie symbolisieren im übrigen die Gläubigen, die gemeinsam die Kirchengemeinschaft bilden. Die Kerze selbst stehe als Symbol für den lebendigen Gott, so Dockner.

Näher an den Gläubigen

„Der Sonnengesang des Heiligen Franz von Assisi hat uns zur Gestaltung der Kirche inspiriert“, sagt Dockner, die übrigens auch für das Design von Altar, Ambo und Leuchten verantwortlich zeichnet. Schließlich sei die Kirche ebenfalls einem Franziskaner, nämlich dem Heiligen Antonius von Padua, geweiht. Angesichts der besonderen Lage, die eine „wundervolle Aussicht ins burgenländische Hügelland ermöglicht“, sei es naheliegend gewesen, diese gleichsam ins Gotteshaus zu holen. „Wir wollten die Natur und Schöpfung in die Kirche hineinholen und diese gleichzeitig Richtung Natur öffnen“, erklärt Dockner. Erfüllt mit Licht, Farbe, Wind und Wetter und dem Wesen der Jahreszeiten wird die Kirche somit zum lebendigen Ort der Begegnung. Oder, wie Dockner sagt: „Jetzt gestaltet das Außen die Messe mit“.

Zum nahezu stufenlosen Übergang zwischen Innen und Außen hätten sie jedoch auch die Vorgaben der Bauherren inspiriert: Um mehr Kontakt zu den Gläubigen herzustellen, sollten die vorhandenen zwei Stufen zum Altartisch entfernt und ein offener Raum für eine zeitgemäße Liturgie geschaffen werden. Mit ihrem Entwurf sei sie von Anfang an zufrieden gewesen: „Wir haben gewusst, dass es passt“, sagt Dockner. „Aber wir waren nicht sicher, ob der Bauherr einen Entwurf von dieser Radikalität in einer kleinen Kirche tatsächlich umsetzen wollte“, erinnert sie sich an ihre Bedenken.

Kreuz ohne leidenden Christus

Während der Pfarrer, der Projektleiter der Pfarre sowie der Leitende Baukurator der Diözese Eisenstadt von Anfang an von der Lösung überzeugt waren, habe es in der Pfarrgemeinde doch einige Bedenken gegeben. So musste die Pfarre unter anderem in Zusammenhang mit der Wegnahme der Apsiswand viel Aufklärungsarbeit leisten, so Dockner. Auch die Darstellung des Kreuzes ohne leidenden Christus sei anfänglich nicht bei allen Pfarrmitgliedern willkommen gewesen. „Aber nach dem Umbau hat es nur positive Rückmeldungen gegeben“, freut sich Dockner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2017)