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Mobiles Wohnen: Gewappnet für jede Veränderung

28.04.2017 | 18:14 |  Von Christian Scherl (Die Presse)

Zu teure Grundstücke, Sehnsucht nach Autarkie, wechselnde Lebensmittelpunkte und -umstände: Das Interesse am mobilen Wohnbau wächst aus unterschiedlichen Gründen. Und in allen Altersschichten.

Ein Nomadehome – kann mitübersiedeln, wenn sich der Lebensmittelpunkt verändert.
Ein Nomadehome – kann mitübersiedeln, wenn sich der Lebensmittelpunkt verändert. / Bild: (c) Loftfactory 

Räder müssen eigentlich gar nicht sein. Dennoch: Beim Schlagwort mobiles Wohnen denkt man zuerst an Wohnwagen. Wolfgang Amann vom Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen (IIBW) beobachtet, dass die Verkaufszahl von Wohnmobilen steil nach oben schießt. Dabei stehe die Freizeitgestaltung im Vordergrund. Als Alternative zu den steigenden Miet- und Kaufpreisen sieht er diese Art des mobilen Wohnens nicht. „Diese Variante kommt vor allem für die obere Mittelschicht, Greyhoppers, die die verbleibenden Jahre in Gesundheit auf Achse verbringen wollen, infrage“, so der IIBW-Direktor.

Theresa Steininger hat jedenfalls mit ihrem Unternehmen Wohnwagon den Nerv der Zeit getroffen. Ihre Wohnwaggons und Minihäuser bieten autarke Konzepte und geschlossene Kreisläufe. „Mit unseren Systemen ist man mit Strom, Wasser und Wärme versorgt, egal, was in der Welt passiert“, sagt die Geschäftsfrau. Zu ihren Kunden zählen junge Pärchen, die sich etwas Eigenes aufbauen wollen, bis zu reiferen Menschen, die sich nach dem Auszug der Kinder nicht mehr um ein großes Haus kümmern und naturnäher leben wollen. Wohnwaggons erlauben neue Wohnkonzepte, etwa Zwischennutzungen von Leerständen und ungenutzten Grundstücken, Gemeinschaftswohnprojekte mit hoher Flexibilität oder Nachverdichtung. Für die Anschaffung des vollautarken Wohnwaggon-Modells „Fanny“ (33 m2) blättert man über 120.000 Euro hin. „Dafür ist man unabhängig“, erklärt Steininger.

 

Wohnen auf fremdem Grund

„Mobilität besagt nicht, dass ein Haus alle paar Jahre den Ort wechseln muss“, sagt Julian Fischer von Julians Raum-Manufaktur aus Götzens. Den jungen Tiroler fasziniert die Idee, Hausbesitzer zu sein, ohne dass einem Grund gehört. Seine mobilen Hausmodelle sind zwischen 20 und 130 m2 groß, hergestellt aus regional verfügbaren Materialien und stehen auf temporär gemieteten Flächen. „Wir preisen Mobilität an, die es ermöglicht, auch längerfristig auf ein Pachtgrundstück zu ziehen.“ Die Bauweise bietet sich vor allem in Regionen mit hohen Grundpreisen an, da es für Normalverdiener unerschwinglich wird, ein Grundstück zu kaufen. „Wer ein Grundstück pachtet, um ein gekauftes Haus darauf zu errichten, hat monatlich bis zu über 1000 Euro mehr in der Geldbörse“, rechnet Fischer vor. Problematisch ist, dass es in Österreich vielerorts an verfügbaren Grundstücken mangelt. „Viele Besitzer wissen gar nichts von einer möglichen Verwertung auf Zeit“, ruft er Grundbesitzer auf, ungenützte Flächen temporär für mobile Wohneinheiten zu verpachten. Die Grundstücke bleiben baulich unverändert, da Schraubfundamente mobiler Häuser minimal invasiv sind, und einer Rückwidmung in Freiland beugt man durch den erfüllten Bauzwang vor.

Gerold Peham gilt in Österreich als Pionier der temporären Architektur. Bei der Gestaltung mobiler Häuser steht bei ihm die Funktion im Vordergrund, dann die Formensprache. Pehams „Loftfactory“-Modelle fallen durch ihr Design auf. Zu seinen weltweit bekanntesten Modellen zählt das „Nomadhome“. Ein Mini-Bungalow, der durch seine abgerundeten Kanten optische Akzente setze, transportabel und beliebig im Modulbau erweiterbar ist.

Das im Raumboxen-Stil erweiterbare Modell „Nomadloft“ setzt auf Reduktion und ist für die schlankere Geldtasche geeignet. Beim schachtelartig gestalteten Modell „Smartloft“ kann dagegen von Verzicht auf Raum keine Rede mehr sein. Mit bis zu 175 m2 ist es für Platzverwöhnte und Familien gedacht.
Große Aufmerksamkeit erregen derzeit die „Normad-Lodges“ von Loftfactory. Häuser und Grundstücke, die an die jeweilige Wohnsituation – auf zeitlich fix gepachtetem Grund – angepasst werden können. Nach einigen Jahren entscheidet man sich entsprechend den Umständen neu, wo und wie man leben möchte. Sowohl Fischer als auch Peham betonen, dass sich der Markt gegenwärtig stark entwickelt und viele Trittbrettfahrer lockt. Gewissenhafte Anbieter würden mit „Containermaßen“ arbeiten, bei denen der Transport auf normalen Lkw erfolgen kann. Interessierte sollten darauf achten, ob es sich um Fixpreise handelt oder versteckte Nebenkosten lauern.

WOHNTREND MOBILITÄT

Temporäres Wohnen ist nichts Neues: Die meisten Menschen ziehen im Lauf ihres Lebens um, viele mehrmals. Das eigene Haus mit umzusiedeln, erhält dabei in Zeiten knapper Flächen und teurer Grund- und Immobilienpreise neue Bedeutung: Ungenutzte Flächen können temporär und auf hohem Niveau bewohnt werden. www.wohnwagon.at, www.julians.at, www.loft-factory.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2017)