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Das zweite Wohnzimmer

19.05.2017 | 18:46 |  Eva Reisinger (Die Presse)

Der Sommer kommt, die Landpartie lockt. Oder eine Stadtoase wie der Türkenschanzpark, den Neogastronomin Elisabeth Diglas immer mehr zu schätzen lernt.

„Manchmal glaub ich, auf dem Land zu leben, weil ich den ganzen Tag Natur sehe“: Elisabeth Diglas im Türkenschanzpark.
„Manchmal glaub ich, auf dem Land zu leben, weil ich den ganzen Tag Natur sehe“: Elisabeth Diglas im Türkenschanzpark. / Bild: (c) Dimo Dimov 

Bei Elisabeth Diglas' Ururgroßvater soll Kaiser Franz Joseph bereits eine süße Jause gespeist haben. Als Treffpunkt zwischen Vororten und Stadt, so schwärmte der Kaiser in seiner Eröffnungsrede 1888, sollte der Park in Hinkunft dienen. Geschaffen wurde er auf Initiative des Architekten Heinrich von Ferstel, der 1872 quasi nebenan das Cottageviertel begründet hatte.

 

Zwischen wild . . .

1683 verschanzte sich hier das türkische Heer gegen das anrückende Entsatzheer – seither wird das Gebiet Türkenschanze genannt. Der Yunus-Emre-Brunnen, ein Geschenk der türkischen Botschaft, steht seit 1991 als Zeichen der Freundschaft im Park. Die Beschaulichkeit großer Wiesen, Teiche, alter Bäume, von der Boku (Universität für Bodenkultur) gesetzter exotischer Pflanzen und Bankerln wird oft von nahen Kinderspielplätzen belebt – und von Sportlern, die die 2500m2 große Freizeitwelt mit Ballsportanlagen und Skateanlage nutzen. „Yogagruppen, Jogger, Jungfamilien, Senioren, Studenten, Cottageviertel-Bewohner, alles da“, erzählt Diglas. Interessant sei, dass am Sonntag ein totaler Publikumswechsel im Park stattfindet. „Dann reisen die Wiener aus anderen Bezirken zur Sommerfrische an.“

 

. . . und vornehm

Auf der Türkenschanze erstreckt sich, je zur Hälfte im 18. und 19. Wiener Bezirk mit der Grenze Hasenauerstraße, eines der schönsten Villenviertel Wiens. Den Grundstein dazu legte eine Gruppe rund um den damaligen Stararchitekten Heinrich von Ferstel in den 1870er-Jahren. Nach englischem Vorbild wurden Ein- und Zweifamilienhäuser mit roten Backsteinfassaden und ländlichen Elementen gebaut. Die Villen im Cottage-Stil mit ihren eindrucksvollen Gärten waren meist bürgerliche Familienhäuser. Das Viertel gehört immer noch zu den vornehmsten und (mit bis zu 4701,17 Euro/m2für ein Einfamilienhaus) teuersten Wohngegenden. Der Wiener Cottage-Verein setzt sich dafür ein, dass der ursprüngliche Charme im – wie es auf Wienerisch heißt „Kottesch“ – auch erhalten bleibt.

Zurück in den Park, zu Grün, Kultur (es gibt zahlreiche Denkmale), Sport und Genuss: Eigentlich wollte Diglas einen ganz anderen Weg einschlagen und studierte Wirtschaft. „Aber die Familientradition hat mich eingeholt.“ Seit 1875 ist die Familie fester Bestandteil der Wiener Gastronomie, bekannt ist heute vor allem das Traditionscafé in der Wollzeile. Vor einem Jahr übernahm die 34-Jährige die Meierei im Park und trat damit in die Fußstapfen ihres Ururgroßvaters. Seitdem hat sich einiges verändert. Die Farbe Lila – ein Kompromiss zwischen Pink und Blau, Diglas und ihrem Mann – zieht sich durch das ganze Lokal. Rauchen ist verboten, das Gulasch wurde zum Kalbsrahmgulasch, die Bänke im Schanigarten sind aus Holzpaletten. Ein Hauch Hipster also im ehemaligen Wirtshaus.

Von den Veränderungen waren die Stammkunden nicht begeistert. „Manche kommen bis zu dreimal am Tag zu uns ins Lokal. Für diese Menschen ist der Türkenschanzpark ein zweites Wohnzimmer, und ich verrückte die Möbel darin.“ Elisabeth Diglas selbst lebt noch nicht im 18., da sei ihr das Lokal „zuvorgekommen“. Als Neo-Gastronomin verbringe sie so gut wie ihre ganze Zeit im Türkenschanzpark. „Manchmal glaube ich, auf dem Land zu wohnen, weil ich den ganzen Tag nur Natur sehe“, erzählt sie. Dabei entstehen auch kuriose Herausforderungen, wie die Problematik des stinkenden Ginkobaums: Im Herbst wirft er Früchte ab, die bestialisch nach Erbrochenem riechen. Eines Tages sah sie eine Frau barfuß darin herumwaten. „Nach chinesischer Medizin sind die Früchte heilsam, erklärte sie mir.“ Seitdem sieht sie auch dem nächsten Herbst wohlwollender entgegen.

ZUM ORT, ZUR PERSON

Zwischen Boku und Cottageviertel liegt seit 1883 der 150.000m2 große Türkenschanzpark, an der Grenze von 18. und 19. Bezirk. Der höchste Aussichtspunkt, die Paulinenwarte (benannt nach der Spenderin vieler exotischer Parkpflanzen, Fürstin Pauline Metternich), ist nur an einigen Wochenenden geöffnet: 10./11. Juni, 8./ 9. Juli, 12./13. August, 9./10. September (www.wien.gv.at)

Elisabeth Diglas betreibt seit rund einem Jahr die Meierei im Park.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2017)