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Grätzltour: Frischer Wind weht in Stadlau

02.06.2017 | 14:48 |  Von Maria Schoiswohl (Die Presse)

Antoinette Rhomberg und Martin Papouschek betreiben in Stadlau ihren Co-Making-Space-Werksalon. Sie sind überzeugt: Die Standortwahl hätte nicht besser sein können.

Das Werksalon-Team Antoinette Rhomberg und Martin Papouschek auf „ihrem“ Betriebsgelände.
Das Werksalon-Team Antoinette Rhomberg und Martin Papouschek auf „ihrem“ Betriebsgelände. / Bild: (c) Schoiswohl 

Was macht ihr mit dem Werksalon in Stadlau?“ Diese Frage hörten Antoinette Rhomberg und Martin Papouschek oft, als sie 2013 den Co-Making-Space Werksalon gründeten – in einer ehemaligen Lagerhalle der Elin-Werke im 22.,Wiens größtem Gemeindebezirk. Für die offene Tischlerwerkstatt für Handwerk und Design samt Ateliers für Kreative ist der Standort über der Donau ideal. „Wir arbeiten auch am Wochenende, haben in der Halle genügend Platz und Parkplätze vor der Tür. Das wäre in der Innenstadt nie gegangen“, sagt Antoinette Rhomberg. Trotz guter Anbindung bleibt das Publikum zu Beginn skeptisch, dreieinhalb Jahre später brummt das Geschäft: Die Workshops am Wochenende sind Monate im Voraus ausgebucht, Veranstaltungen wie „Drink and Draw“ – Aktzeichnen im Werksalon – gut besucht. „Mittlerweile sagen die Leute: ,Werksalon? Ihr macht so coole Sachen, oder?'“ sagt die Unternehmerin.

Netzwerken à la Stadlau

Die Eventlocation Metastadt – teils modern renovierte, teils im Originalzustand belassene Fabrikhallen der Elin-Werke – und die eingesessene Künstlerkooperative Kunstfabrik Stadlau, sowie Veranstaltungen wie Open House, der neue Flohmarkt Metamarkt oder das erst kürzlich über die Bühne gegangene DIY-Festival Maker Faire tragen zum steigenden Bekanntheitsgrad der Gegend bei. „Am wichtigsten für uns sind die Menschen, die wir hier ganz am Anfang kennen gelernt haben“, sagt Rhomberg. „Sie sind unsere emotionalen Anker.“
Da ist Ulrike Feistritzer, die seit 47 Jahren im familiengeführten Herrenmodengeschäft Feistritzer arbeitet. „Natürlich verändert sich das Grätzl. Der Bäcker ist weg und in der Straße wird wieder ein Haus abgerissen. Andererseits hatten wir in den letzten Jahren jede Woche einen neuen Kunden“, erzählt sie. Die Geschäftsfrau ist Mitglied im Grätzlverein der Stadlauer Kaufleute und eine Art Empfangskomitee für die Werksalon-Gründer. „Die Ulli hat uns immens geholfen, hier anzukommen“, betont Rhomberg.
Wie auch Renate Biber von der Trafik schräg gegenüber. Die Obfrau-Stellvertreterin der Stadlauer Kaufleute freut sich, dass sich im Grätzl was tut: „Wir haben über 40 Mitglieder im Verein, von der Gärtnerei bis zum Installateur. Es geht einfach darum, sich untereinander zu vernetzen. Das ist für uns Nachhaltigkeit.“ Als übergeordnete Vernetzungsplattform agiert die sehr aktive Lokale Agenda 21 zur gemeinschaftlichen, nachhaltigen Stadtentwicklung.
Die lebt und erlebt Omar Sarsam mit seiner Familie in der Oase 22. Der Kinderchirurg und Kabarettist wohnt seit 2013 in dem Vorzeigeprojekt des modernen Wohnbaus. Auf einem ehemaligen Industrieareal sind mit drei Bauträgern 370 Wohneinheiten entstanden, verbunden durch einen Spazierweg am Dach mit Laufstrecke und Gartenbeeten. „Die Oase ist wie ein kleines Dorf“, sagt Sarsam. „Man lässt hier seine Kinder draußen spielen und feiert Silvester gemeinsam am Dach.“ Senioren und Kinder aus schwierigen Verhältnissen leben neben Jungfamilien und Singles, die Erdgeschoßzonen sind für alle da, zwischen den Häusern wuchern Blumen, stehen Spielplätze und Fahrradständer. Eigentlich hat Sarsam, der aus der Gegend stammt, nie daran gedacht hat, wieder zurückzukehren. „Eine Genossenschaftswohnung war für uns kein Thema. Jetzt muss ich aber sagen: Es ist wirklich nett hier.“ Der neue Supermarkt ist nicht weit und auf den noch freien Flächen rundum sind weitere Wohnbauten geplant. „Die Stadt wächst einfach enorm“, sagt Papouschek. „Als wir hergekommen sind, wurde gerade das Gesundheitszentrum Med22 fertiggestellt. Alles andere kam danach.“

Nachholbedarf bei Kulinarik

Gleichzeitig ist der Verkehr laut und mit dem geschlossenen Genochplatz ein Grätzlmarkt in unbebauter Verwesung. „Das ist sehr schade. Was wirklich fehlt, ist die Kulinarik“, meint Papouschek. Einzig der Kebab-Laden Pera oder das Ströck-Café versorgen aktuell bei kleinem Hunger. „Wir träumen von einer Kaffeerösterei bei uns am Gelände“, wirft Rhomberg ein. Zwei fixe Gäste hätte das Café, denn auf die Frage, ob die Werksalon-Gründer sich vorstellen könnten, in Stadlau künftig nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu wohnen, kommt unisono ein „Ja!“.

Zum Ort, zur Person

Laut Immobilienpreisspiegel der WKO 2016 zahlt man in der Donaustadt für eine Eigentumswohnung im Erstbezug in guter Wohnlage zwischen 3075 und 3621 Euro pro Quadratmeter. In sehr guter Wohnlage werden auch schon mal bis zu 4435 Euro/m22 fällig.
Antoinette Rhomberg und Martin Papouschek haben sich 2013 in einer ehemaligen Lagerhalle der Elin-Werke in Stadlau mit ihrem Werksalon eingerichtet. http://werksalon.net