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Grätzltour: Vermischung der Gegensätze

23.06.2017 | 18:35 |  Daniela Mathis (Die Presse)

Straßenblockaden und Käsekrainer, Antisemitismus und Rotlicht: das Stuwerviertel aus Sicht von Hobbyhistoriker, Teilzeitherausgeber und Profi-Gastronom Roland Schweizer.

Entspannen, neue Ideen kommen lassen: Roland Schweizer nutzt eine Straßensperre für eine kurze Rast.
Entspannen, neue Ideen kommen lassen: Roland Schweizer nutzt eine Straßensperre für eine kurze Rast. / Bild: (c) Dimo Dimov 

„Hier wird es ein bisschen röter.“ Roland Schweizer zeigt, unterwegs zum Ilgplatz, auf die roten Laternen eines einschlägigen Lokals. Als Inhaber des Café Else und Grätzelkenner kommt man am Rotlichtaspekt des Stuwerviertels nicht vorbei. Seine Vorgängerin, Frau Else, war schließlich Inbegriff einer Szene, die es heute so nicht mehr gibt, das ehemalige Anbahnungslokal in der Heinestraße 36 ist ein modernes Café.

„Schon bei den Umbauarbeiten habe ich bemerkt, dass der Bezirk anders tickt als etwa der Neunte, in dem ich zuvor gewohnt habe“, erzählt er. „Die unterschiedlichsten Leute haben mich angeredet, waren neugierig.“ Das schätzt Schweizer am Stuwerviertel: die Vielfalt, die Vermischung von Gegensätzlichem. „Es gibt einen hohen Ausländeranteil, aber keine Abgrenzung der Wohnviertel wie etwa an der Ottakringer Straße.“ Jüdische Schulmädels rollern über die Gehsteige, im Park spielen Kindergruppenknirpse behütet in Warnwesten, daneben üben sich junge Migranten lautstark im Ballspiel.

 

Bewegte Geschichte

Der Max-Winter-Platz gilt als Herz des Viertels, benannt nach dem Sozialisten, der um 1900 das Elend der „Kanaltrotter“ und Gastarbeiter im 2. Bezirk beschrieb – „sie lebten unter anderem in Erdhöhlen, gegraben in der Au“, so Schweizer. Sie waren es auch, die das Stuwerviertel verbauten, das nach der Donauregulierung nutzbar geworden war. 1875 bis 1918 nahmen die Straßenzüge zwischen Ausstellungs-, Lasallestraße und Donau Gestalt an. Wasser gab es – gewollt – in der Venediger Au. Bis zum Ersten Weltkrieg war hier ein Klein-Venedig nachgebaut.

Zeiten-, Perspektiven-, Themenwechsel – alle paar Schritte tut sich Neues auf: Biogemüseplakat am Gartenzaun, alte Wandreklame, neues Kindergeschäft, Mahnmal: Am Haus Arnezhoferstraße 7 berichten Glastafeln vom Antisemiten Johann Arnezhofer, der 1670 die Vertreibung der Juden organisierte, von der Benennung der Straße unter Bürgermeister Lueger bis zu den Namen der deportierten Juden dieses Hauses in der Nazi-Diktatur.

Wieder ein wenig weiter eine in Kürze eröffnende Galerie. „Das war früher eine Bäckerei, später hat hier ein Bekannter gewohnt“, erzählt Schweizer. „Es gibt Raum für Kunst, für junge Leute, die etwas ausprobieren möchten, wie es anderswo durch hohe Mieten nicht mehr möglich ist.“ Die Straßensperren – meist bemalt –, die den Straßenstrich unterbinden sollen, haben den Verkehr insgesamt eingebremst: Ruhig ist es in den (Allee-)Straßen, was auch Familien immer mehr zu schätzen wissen.

Große Gemeindebauten prägen Engerthstraße und Handelskai, in der Wohlmutstraße sticht eine 1920er-Jahre-Arbeiterburg ins Auge. An der Lasallestraße steht der ebenso nach Ferdinand Lassalle benannte Hof, dessen Erbauer 1864 an den Folgen eines Duells mit dem Ehemann seiner Geliebten starb. Vom 1960er-Jahre-Bauideal zeugen vier Gemeindebaublöcke in der Nähe des Vorgartenmarkts, der „auch langsam nobel wird“. Zurück zum Ilgplatz: Hier hat das Clownmuseum seinen Platz, das Café Dezentral und die Firma Neon Brunner, die Erdgeschoß und Keller als Lager nutzt. „Das wäre ein toller Platz für ein Lokal, aber der Eigentümer sieht das anders“, meint Schweizer. Und „es wäre zu nah bei der Wohnung. Ein bisschen Abstand muss sein.“

Wo doch alles irgendwie zusammenhängt: Das Brot für die riesigen Else-Toasts wird eigens am Karmelitermarkt gebacken, die Bergkäsekrainer von zwei Bauernmarktstandlern nach dem Vorschlag Schweizers gefertigt. Seit Kurzem ist in Vitrine und Oberlichte neue Kunst zu sehen – von Kunststudenten der Rustenschacher Allee. Und: Das „Grätzlblattl“ für das Volkert- und Alliiertenviertel hat hier seine Herausgeberadresse. Aber das ist eine andere (Grätzl-)Geschichte.

ZUM ORT, ZUR PERSON

Wasser prägt(e) das nach der Donauregulierung 1875 errichtete Stuwerviertel, heißt aber nach einem Meister des Feuers: Johann Georg Stuwer erfreute seine Zeitgenossen im Prater ab 1774 mit Kunstfeuerwerk. Mietwohnungen kosten im zweiten Bezirk (Immopreisspiegel 2016/2017) 7,5 bis 11,9 Euro/m2 , Eigentum (gebraucht) 2724,4 Euro/m2.

Roland Schweizer kam 1972 aus Linz nach Wien und hat „eigentlich überall schon mal gewohnt“. Sein Weg zur Arbeit führt durchs Stuwerviertel in die Heinestraße.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2017)