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„Entweder es funkt – oder nicht“

14.07.2017 | 18:18 |  Von Doris Barbier (Die Presse)

Als die Designerin Jennifer Mory vor knapp drei Jahren zum ersten Mal ihre heutige Wohnung in Wien Mariahilf betrat, wusste sie sofort: Da will ich leben.

Kunst an der Wand, Eigenbau auf Rollen: Wohnzimmer und Garderobenelement von Jennifer Mory.
Kunst an der Wand, Eigenbau auf Rollen: Wohnzimmer und Garderobenelement von Jennifer Mory. / Bild: (c) Elsa Okazaki 

Mir ist beim Wohnen am wichtigsten, beim erstmaligen Betreten der Wohnung ein gutes Gefühlzu haben“, erzählt Jennifer Mory. „Schwer zu beschreiben, aber jeder kennt es: Entweder funkt es oder nicht.“ Trotzdem war schon eine gehörige Portion Fantasie notwendig, um den klassischen Altbau in das großzügige Loft mit Grünpflanzen und dicken marokkanischen Berberteppichen zu verwandeln, das es heute ist. „Die Basis hat gestimmt, Holzfußboden, große Flügeltüren, Raumhöhe, mit anderen Worten der gesamte Charme des Wiener Altbaus“, so die Designerin, die sich auch beruflich gern mit Metamorphosen befasst.

 

Kreative Einrichtungsköchin

Der Altbau wurde vor sechs Jahren saniert – dabei aber Altbestände (Türen, Fenster im Wohnzimmer und Schlafzimmer, Oberfenster in der Küche und im Bad) bewusst belassen. „Ich finde es immer total schade, wenn ein Altbau totsaniert wird“, so Mory. Und auch die fast perfekte Wohnung hat ihre Nachteile. „Wenn das Schlafzimmer etwas kleiner wäre und es dafür ein extra Arbeitszimmer gäbe“, sinniert Mory, „wäre es noch besser. Auch ein Abstellraum fehlt, und schön wäre es, einen eigenen Schrankraum zu haben.“

Die Vorteile? „Die großzügigen Räume machen es möglich, tolle große Malereien aufzuhängen. Ich stehe auf sehr großflächige Bilder.“ Kreativität ist auch in den eigenen vier Wänden essenziell – Platz für Fantasie und Ausdrucksstärke muss sein, der Rest ergibt sich dann sowieso von selbst. „Sich auf einen Stil festzulegen ist immer schwierig. Ich sehe kreative Arbeit wie das Kochen: Man fügt verschiedene Zutaten zusammen und es entsteht etwas Neues. Ich koche grundsätzlich nicht nach Rezept. Am spannendsten finde ich immer eine Kombination aus organischen Elementen und industriellen Materialien.“

 

Kunst statt Designermöbel

Die gemütliche Wohnküche mit Blick auf die Linde im typischen Wiener Innenhof wurde mit Mobiliar aus dem Familienfundus der Patchworkfamilie ausgestattet. Schönes Geschirr und vor allem Morys beachtliche Teekannensammlung wird dabei nicht in Schränken verstaut, sondern bewusst zur Schau gestellt. Auch Alltagsgegenstände haben etwas Poetisches. Mit der Einrichtung nimmt es Mory nicht so genau – Stilmix muss sein, nur keine Möbelhausatmosphäre. Der dicke Berberteppich stammt vom letzten Urlaub in Marokko, die Möbel aus Holzpaletten sind selbst gebastelt. „Holz und Metall sind solo oder in dieser Kombi am effektvollsten – ich habe meist genaue Vorstellungen, wie ein Möbelstück auszusehen hat, wenn ich das im herkömmlichen Handel nicht finde, gehe ich selbst ans Werk.“ Und sie investiere generell lieber in Kunstwerke als in teure Designermöbel, an denen man sich schnell sattsieht. Im Wohnzimmer, das zeitweise auch als Arbeitszimmer dient – auf dem alten Holztisch wird gezeichnet, entworfen und manchmal auch genäht –, kommen befreundete Künstler zu Wort: „Das Tannenzapfenbild ist von Anne-Sophie Wass, das Auto in der Wiese von Gert Resinger.“ Die Natur ist auch in der Stadt omnipräsent.

Grünpflanzen haben im Leben der Frau Mory ohnehin einen ganz besonderen Stellenwert. Nur die skulptural weißen Keramikvasen von El Be kommen auch ohne Blumen aus – dafür aber doppelt gemoppelt in zwei verschiedenen Formen. Die Blumenampeln für die unverwüstlichen Hängepflanzen sind Eigenkreationen, auch hier stammen die Zutaten aus dem Baumarkt.

Der Clou offenbart sich einem jedoch schon, wenn man die helle Wohnung im 3. Stock betritt. Aus dem langen klassischen Vorzimmer wurde dank der selbst entworfenen Garderobe aus Drahtseil und dicken Holzknöpfen eine Installation. Kleider, Mäntel, Jacken werden hier wie Kunstwerke zur Schau gestellt, die Wohnung wird zur Galerie. „Alle Zutaten für meine Garderobe stammen vom Bastelladen Dieroff in der Westbahnstraße und vom Baumarkt, eine wahre Fundgrube, wenn man gerne bastelt“, so Mory. „Mit einer Garderobe kann man Geschichten erzählen, je nachdem, ob und was da hängt, verleiht das dem Raum eine andere Stimmung. Und die Kinder lernen aufzuräumen, ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt.“

ZUR PERSON, ZUM HAUS

Jennifer Mory ist freiberufliche Designerin, unter anderem für die Modekollektion von Grüne Erde, und Labelgründerin von www.motodjali.com.

Sie wohnt in der Mariahilfer Altbaumietwohnung (1060 Wien) mit Philipp Lamprecht (Surfcamp Chill and Surf, Portugal) und der dreijährigen Tochter Saya auf rund 100 Quadratmetern, im 3. Stock, mittlerweile mit Lift.

Das Gründerzeithaus beherbergt insgesamt 15 Wohneinheiten, das Dach wurde ausgebaut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2017)