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Grätzltour: „Haben Sie einen kleinen Weg?“

04.08.2017 | 18:18 |  Daniela Mathis (Die Presse)

Christa und Kurt Schwertsik wohnen und arbeiten seit 42 Jahren in der Penzinger Straße. Viel hat sich verändert – doch ums Eck gibt es noch eine Ladenzeile wie in alten Zeiten.

Kurt und Christa Schwertsik vor dem Max-Reinhard-Seminar/Palais Cumberland in der Penzinger
Kurt und Christa Schwertsik vor dem Max-Reinhard-Seminar/Palais Cumberland in der Penzinger / Bild: (c) Dimo Dimov 

Wenn Kaiser Franz Joseph Schönbrunn besuchte, nahm er – vom Bahnhof Penzing aus – die Diesterweggasse als erste Etappe. Heute liegt dort, an der Ecke Penzinger Straße, das Gasthaus Odysseus. Seit „ihre“ Pizzeria ums Eck zugemacht hat, sind Christa und Kurt Schwertsik oft hier zu finden. Sie Sängerin und Schauspielerin, er Komponist kennen das Grätzel seit 1975, „als wir hergezogen sind und uns dann im Haus mehr und mehr ausgebreitet haben“. Mittlerweile gehört den ehemaligen Wohnungsmietern, die „aus der Pilgramgasse hierher kamen, weil es im Sechsten zu teuer wurde“, das ganze, vielfach umgebaute, zweistöckige Haus aus dem 18./19. Jahrhundert.

Über das Grätzel wissen sie Bescheid. „Viele Geschäfte haben zugesperrt, Fleischhauer, Gemüsegeschäft, Pizzeria, Gasthaus, Bäckerei . . ., aber die Leute wohnen gern hier, da gibt es wenig Fluktuation.“ Die Häuser der Umgebung kennen die beiden fast ebenso gut wie ihr eigenes, in dem gerade das Erdgeschoß renoviert wird. „Wir versuchen, es trocken zu bekommen“. Archiv und Atelier für eigene kleine Produktionen – etwa mit Christas Töchtern Katharina und Julia Stemberger – sollen neu entstehen.

Entlang der Penzinger Straße befinden sich wahrlich einige Schmuckstücke der Bezirksgeschichte. Vom im 17./18. Jahrhundert errichteten Max-Reinhardt-Seminar (Nr. 7), „hier haben wir beide gearbeitet“, blickt Kurt zurück; über das frisch renovierte Töpfelhaus (Nr. 34) bis zum ersten Schulhaus Penzings (Nr. 68) und dem Broda-Bildungshaus (74), in dem Karl Lueger seine letzte Wahlkampfrede hielt. „Von dem Gemeindebau war ich begeistert, seit ich ihn als Kind gesehen habe“, erzählt Kurt beim Anblick der Nr. 30. Erbaut 1924, ist er eine klassische „Arbeiterburg“, mit einem Schmied als Figur über dem Portal. Doch die Fassade zeigt auch Elemente des Jugendstils – Kreisornamente im Putz, verkleidete Dachrinnen, Köpfe, die wie Galionsfiguren auf die Straße blicken. Möglicherweise ließen sich die Architekten Siegfried Theiss und Hans Jaksch vom Haus Nr. 40, schräg gegenüber, inspirieren, dem 1901 erbauten Jugendstiljuwel von Karl Fischl. Weniger Gefallen findet die renovierte Nummer 54. Auf dem alten Gemäuer sitzen nun – in zwei Dachetagen – 15 kleine, quadratische Giebelfenster, das dreigliedrige, hölzerne Tor wich einem aus Metall mit kleiner Abschleppwarnung-Tafel.

 

Treffpunkt Nisselgasse

Mehr los ist Richtung Kennedybrücke, in der Nisselgasse, in der sich mehrheitlich kleine Häuschen mit Lokal im Erdgeschoß aneinanderreihen. „Du brauchst bald eine Haarbürste“, hört man etwa Herrn Jaggi aus der gleichnamigen Parfümerie zum Baby sagen, das gerade aus dem Geschäft geschoben wird. Wer Düfte vergangener Zeiten oder handgefertigte Bürsten sucht, wird fündig. „Es gibt einiges, das man anderswo lange oder vergebens sucht“, so Jaggi. Die Kunden bleiben gern auf ein Pläuschchen, ebenso wie im Edeltrödelladen Parastoo, im Messerfachgeschäft Nagl oder beim Uhrmachermeister Fabry. „Er fragt immer ,Haben Sie noch einen kleinen Weg?‘, wenn man eine Uhrbatterie oder Ähnliches braucht“, erzählt Christa. „Meine Tochter hat mich gefragt, warum ich beim Einkaufen immer auf ein Pläuschchen bleibe, es gehe ja auch ohne. Aber so ist es viel interessanter und entspannter“.

Die Gasse, die sich bei der Penzinger Straße zu einem kleinen Platz erweitert, wo sich ebenfalls einige Geschäfte angesiedelt haben – „Schneidereikunst“, „Damenmoden Luca“, „Schuhwerk“ –, „immer Ö1 zum Mithören“, weiß Christa –, endet an einer Bau- besser Abbaustelle. Das asbestbelastete Firmengebäude von Elin ist, vollkommen ausgeräumt, als Betongerippe weithin sichtbar. Eine Wohnhausanlage soll folgen – laut Entwickler Buwog befindet man sich derzeit in der Planungsphase.

Penzinger Straße

Die Penzinger Straße ist der alte Ortskern von Penzing – erstmals 1130 als „Pencingen“ erwähnt. Heute wohnen 92.340 Menschen im viertgrößten (33,82 km2) Wiener Bezirk. Zur Miete wohnt man für rund 7,6 bis 11,5 Euro/m2, im Eigentum für rund 2600 bis 4500 Euro/m2. Sängerin und Schauspielerin Christa und Komponist Kurt Schwertsik leben seit 1975 in Penzing. Ab 10. August wird ihre Produktion „Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter“ in Litschau aufgeführt. www.herrenseetheater.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2017)