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Otto Lechner: "Die Klangkulisse hat sich verändert"

15.09.2017 | 18:54 |  LISBETH LEGAT, DANIELA MATHIS (Die Presse)

Grätzelgeschichte. Seit 30 Jahren wohnt der Musiker und Komponist Otto Lechner in der Treustraße am Gaußplatz in der Brigittenau. Eine Heimat, die sich sichtlich – und hörbar – wandelt.

Otto Lechner vor seinem ehemaligen Lieblingslokal in der Wasnergasse.
Otto Lechner vor seinem ehemaligen Lieblingslokal in der Wasnergasse. / Bild: (c) DIMO DIMOV 

Ich bin 1987 von Krems nach Wien gekommen, um zu studieren“, erzählt der blinde Akkordeonist Otto Lechner. „Eigentlich Musikwissenschaft, aber dort haben sie mich abgelehnt, wegen meines Sehvermögens respektive -unvermögens.“ Das Grätzel am Gaußplatz hat er sich ausgesucht, „weil die Wohnungen sehr billig waren, weil es in gewisser Weise Wüste war und eine interessante Tristesse ausgestrahlt hat, andererseits aber aufgrund der Menschen verschiedenster Herkunft bunt und musikalisch ein illustrer Kreis war, mit Musikern von Brasilien bis Tunesien“.

Zwischen zwei und 20

Die Bebauung des Viertels, das an der Grenze der Bezirke Leopoldstadt und Brigittenau liegt, stammt fast durchgehend aus der Gründerzeit. Außer dem Gemeindebau an der Oberen Augartenstraße 12–14 gibt es kaum sozialen Wohnbau wie in anderen Teilen der Brigittenau. Dafür war sein Erbauer kein Irgendwer: Karl Schmalhofer errichtete gemeinsam mit Otto Nadel auch das Amalienbad in Favoriten.

Viele der Lokale, in denen Musik gemacht wurde, „gibt es heute leider nicht mehr“. Besonders gut ist Lechner das Carioca in Erinnerung. „Ursprünglich hieß es Zadi-Stüberl, und es hatte im Keller ein Tonstudio. Das war zwar schlecht, aber billig, und wir haben es für ziemlich viele Aufnahmen benützt.“ Auch das damalige Serapionstheater (heute Vindobona) war eine seiner Wirkstätten. „Dort hatten wir viele Vorstellungen, etwa mit Josef Hader, aber auch mit dem 1. strengen Kammerorchester.“

Seit damals hat sich viel verändert. Das Grätzel habe seine Tristesse verloren und sei keine „Wüste“ mehr – „aber damit ist auch ein wenig seines Charmes verschwunden“, meint der mittlerweile international bekannte Akkordeonspieler, der schon mit vier Jahren in Gasthäusern aufgespielt haben soll. Seit 2007 lebt er auch in Gars am Kamp, fühlt sich „seinem“ Grätzel aber sehr verbunden, nahm doch hier seine musikalische Laufbahn konkrete Formen an – zuerst als Pianist, „weil mein Schulfreund Hader damals einen gesucht hat“.

Die Folgen der „Augartenstadt“

Lechners Spaziergänge kreisen im Wesentlichen um den Wallensteinplatz, den Gaußplatz, die Jägerstraße, und Station macht er gern in der Bäckerei Prindl am Gaußplatz oder im Restaurant Saphire, einem türkischen Lokal in der Jägerstraße. „Abgesehen davon, dass so viele Lokale nicht mehr existieren, sind auch viele der kleinen Geschäfte, die das Viertel damals belebt haben, verschwunden“, bedauert er. „Es ist so ruhig in den Nebenstraßen geworden. Man hört fast nur mehr Autos und kaum mehr Menschen.“

Das ist im Augarten anders, vor allem im Sommer. Kulturell sehr belebt, etwa Kino wie noch nie, Bunkerei, Augarten Contemporary, war das nicht immer so. Erst „in den 2000er-Jahren haben sich Kreative im Aktionsradius Augarten (heute Aktionsradius Wien) zusammengefunden und das Projekt ,Augartenstadt‘ gegründet“, erzählt Lechner. „Ein Fantasieprojekt und sollte zeigen, wie eine Stadt funktionieren könnte und sein sollte.“ Lechner wurde zum Bürgermeister gewählt. „Ich hab das gern gemacht. Ich liebe es, Reden zu halten, natürlich skurrile.“ Nachdem er heuer erstmals die Festivalleitung für „Kunst in der Kartause – Pfeifen und Zungen“ in der Kartause Aggsbach übernommen hat, bleibt ihm wenig Zeit für Spaziergänge oder die Bunkerei, die immer noch zu seinen Lieblingsorten gehört, „zudem ich aufgrund meiner Blindheit darauf angewiesen, dass mich jemand begleitet“. Er selbst begleitet nun mit dem neuen Projekt eine alte Idee: „Auch auf dem Land für Interessierte musikalische oder kreative Treffpunkte zu schaffen und ein wenig die Vielfalt meines Grätzels auf das Land zu transferieren.“

ZUM ORT, ZUR PERSON

Das Viertel um den Gaußplatz liegt an der Bezirksgrenze Leopoldstadt/Brigittenau, die Bebauung ist dicht und stammt fast durchgehend aus der Gründerzeit. Renovierungen, Platzgestaltungen und Projekte wandel(te)n das Grätzel.
Der Musiker (Akkordeon, Orgel) und Komponist Otto Lechner (*1964) lebt in Wien und NÖ. Er leitet heuer erstmals das Festival Mit Pfeifen und Zungen (von 28. 9. bis 1. 10.) in der Kartause Aggsbach. kunstinderkartause.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2017)