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Grätzelwalk: Chinatown im Freihausviertel

13.10.2017 | 18:33 |  Von Daniela Mathis (Die Presse)

Asiatische Lokale, Reisebüros, Geschäfte: unterwegs mit den „Linguistic Landscapes“-Ausstellern Thomas Fritz und Dilek Tasdemir in Wieden.

Thomas Fritz und Dilek Tasdemir vor einem asiatischen Fischgeschäft in der Kettenbrückengasse.
Thomas Fritz und Dilek Tasdemir vor einem asiatischen Fischgeschäft in der Kettenbrückengasse. / Bild: (c) DIMO DIMOV 

Links der Naschmarkt, rechts Chinatown – so könnte man meinen, spaziert man an der rechten Wienzeile stadteinwärts. Geschichtsträchtiger Boden: Vom alten Siedlungskern beim Rilkeplatz bis zum Naschmarkt erstreckte sich der um 1650 erbaute Komplex des Freihauses (abgebrochen ab 1913), das den Bewohnern einst Steuerfreiheit und Privilegien bot. Auch die Heumühle in der Grüngasse zeugt von früherem Grätzelleben: An einem Nebenfluss der Wien gelegen, war sie vom 14. Jh. bis 1856 in Betrieb. Heute wird sie als Kultur- und Veranstaltungszentrum genutzt. Aber nicht nur sie.

 

Sprachliche Lebendigkeit

Auf dem schwarzen Brett beim Gemeindebau Rechte Wienzeile 25–27 wirbt die chinesische Aohua-Sprachschule „Es sind alle willkommen, die Interesse an der chinesischen Sprache und Kultur haben!“ Nummer 29 beherbergt eine Filiale des Chinesischen Zentrums, nicht zu verwechseln mit gleichnamigen Lokalen, von denen es in Wien mehrere gibt. „Bei unseren Recherchen zur mehrsprachigen Landkarte Wiens ist uns aufgefallen, wie asiatisch es hier zugeht“, erzählt Thomas Fritz, Lektor an der Uni Wien und Lernraumleiter der Volkshochschule. „Je öfter man unterwegs ist, umso mehr sieht man.“ Natürlich nicht nur hier. „Man sollte mehr Zeit haben, sich seine Stadt wirklich anzusehen.“

Skurriles etwa hängt bei einem Wiener Nachtlokal aus: „11.11.: Freunde treffen Freunde am Wiener Zentralfriedhof“. Das Lili an der Ecke Heumühlgasse ist dagegen wieder eindeutig chinesisch. Seit Jahrzehnten ist das Viertel bei aus Asien stammenden Menschen beliebt. „In den 1980er-Jahren wurde sogar überlegt, ein großes Tor über die rechte Wienzeile zu bauen, wie in anderen Städten als Symbol für eine China-Town üblich“, erzählt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der VHS, Dilek Tasdemir. „Doch die Community lehnte das ab.“ Man wolle nicht so sichtbar sein, kein so dominantes Zeichen setzen.

Dennoch, die Schriftzeichen fallen auf. „Für Linguisten ist Wien eine spannende Stadt geworden“, erzählt Fritz. Schätzten etwa Architekturfans die Kombination von alter Bausubstanz und moderner Architektur, ginge es Linguisten mit verschiedenen, aufeinandertreffenden Sprachen so. „Es entsteht Neues“, erklärt Fritz. „Laufend sind Menschen kreativ, um sich in alter und neuer Sprache zurechtzufinden, beide für die Kommunikation zu nutzen.“ In der Ausstellung „Linguistic Landscape“ („Sprachliche Landkarte“) an der VHS Brigittenau sind unter anderem Wortschöpfungen zu sehen, „die auf den ersten Blick falsch aussehen, aber ihre eigene Logik haben“, erklärt Tasdemir. Etwa „Knoublack“ statt Knoblauch auf dem Meidlinger Markt (Deutsch/Englisch) oder „Sinitlah“, (Schnittlauch), „weil im Türkischen zwischen s und n ein i hingehört“, so Fritz. Hier sei Türkisch selten, Englisch, Chinesisch, Japanisch und Mandarin sind die vorherrschenden Fremdsprachen auf der dicht bebauten Wieden, deren Name von „Widem, Widum“ (Pfarrhof, Pfarrgut) stammt und die 1137 als eine der ersten Wiener Vorstädte erwähnt wurde.

Chinesische Schriftzeichen mit dem deutschen ABC zu kombinieren ist natürlich eine gewagte Herausforderung. Die meisten Geschäfte sind daher mehrsprachig angeschrieben – Deutsch und Englisch –, etwa jenes für chinesische Küchenausstattung oder das asiatische Reisebüro in der Kettenbrückengasse.

Aber nicht alle. Am Fischgeschäft schräg vis-à-vis (streng genommen im fünften Bezirk, der 1861 von Wieden getrennt wurde) ist für westliche Augen nur ein Wort zwischen den Schriftzeichen zu entziffern – Scampi. Doch was angeboten wird, ist ohnehin offensichtlich: Die kleine Theke aus Glas präsentiert Fische und Meerestiere gut sichtbar auf Eis.

ZUM ORT, ZUR PERSON

Wieden ist der kleinste Wiener Bezirk, das Viertel zwischen Naschmarkt und Margarethenstraße wurde ab dem 17. Jahrhundert verbaut und ist heute mit rund 8,60 bis zehn Euro/m2 Miete mit gutem Wohnwert eine beliebte Wohngegend.

Thomas Fritz und Dilek Tasdemir kuratieren an der VHS Brigittenau die Fotoausstellung „Linguistic Landscape“, bis Ende Oktober, ab 21. Februar 2018 wird sie in Ottakring gezeigt. www.vhs.at/lernraumwien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2017)