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Grätzeltour: Huch, ein Gespinst, ein Gespunst

03.11.2017 | 15:14 |  Von Christian Scherl (Die Presse)

Das triste Grau des Novembers ist die ideale Zeit, um in der Innenstadt bei Gespenstern beliebte Locations aufzusuchen. Unterwegs mit Autorin Gabriele Hasmann.

Autorin Gabriele Hasmann vor der Wiener Oper, wo angeblich Architekt Eduard van der Nüll herumspukt.
Autorin Gabriele Hasmann vor der Wiener Oper, wo angeblich Architekt Eduard van der Nüll herumspukt. / Bild: (c) Dimo Dimov 

Um in Gruselstimmung zu kommen, muss man nicht nächtens auf den Wiener Zentralfriedhof pilgern. Die Wiener City ist nicht nur von Touristen frequentiert, sondern – zumindest laut Autorin Gabriele Hasmann („Prominente Geister in Österreich“) – auch von Gespenstern. Wir machten mit ihr einen Stadtspaziergang der übersinnlichen Art.

Eine beliebte Bühne für unheimliche Begegnungen der dritten Art sei zum Beispiel die Wiener Oper. Als der Prunkbau unter Kaiser Franz Josef in Auftrag gegeben wurde, hatten die Wiener noch keine Freude mit dem Gebäude und nannten es „versunkene Kiste“ oder „in der Verdauung liegender Elefant“. Die Architekten August von Sicardsburg und Eduard van der Nüll litten schwer unter diesem Urteil – der Kaiser selbst enthielt sich jeglicher Meinung. Erst spät würdigte er die architektonische Leistung – zu spät für den bedauernswerten van der Nüll, der sich aus Gram das Leben genommen hatte, Sicardsburg war zuvor einer Krankheit erlegen. „Seither scheinen van der Nüll und auch der Kaiser in und vor der Oper keinen Seelenfrieden zu finden“, sagt Hasmann. Und Garderobendamen berichteten immer wieder von geisterhaften Erscheinungen.

 

Blutrünstige Vergangenheit

„Geister machen auf unterschiedlichste Weise auf sich aufmerksam“, sagt Hasmann über das Know-how der „Spukologen“. Sie könnten optisch und akustisch erscheinen, aber auch bloß ein Gefühl vermitteln. Geister tauchten, sagt die Autorin, häufig an Wirkungsstätten auf, an denen ihnen besonderes Leid widerfahren war. Napoleon etwa wäre in Wien vom Widerständler Friedrich Staps beinahe erstochen worden. Das Attentat misslang – vor dem Stephansdom wollen Passanten aber Napoleon mit einem Messer in der Brust gesehen haben. Er habe sie regelrecht gerammt. „Die Leute berichten von einem seltsamen Kribbeln. Nach der Kollision war Napoleon verschwunden“, sagt Hasmann.

Wenige Häuserblöcke weiter, in der Augustinerkirche, erzählt die Autorin, hätten Wiener eine Frau herzzerreißend wimmern gehört, aber niemanden gesehen. Die Stimme könnte, so Hasmann, der Habsburgerin Marie Louise gehören, die seinerzeit gezwungen wurde, in der Kirche den Habsburger-Erzfeind Napoleon zu heiraten. Schräg gegenüber, in der Augustinerstraße 12, soll es besonders häufig spuken, hier hatte die sogenannten Blutgräfin Erzsébet Bathory ihre Wiener Wohnung, in der sie zahlreiche junge Frauen zu Tode gefoltert haben soll.

Schwer mit der Vergangenheit dürfte auch Sigmund Freud zu kämpfen haben. Sein Geist wird angeblich gern am Schottenring gesichtet – als weiße Silhouette mit Bart und Brille. Freud wohnte im sogenannten Sühnhaus, das Kaiser Franz Josef nach dem Ringtheaterbrand 1881 errichten ließ. Hier soll es immer wieder zu unheimlichen Erscheinungen gekommen sein. Grund genug für den einfühlsamen Psychoanalytiker, in die Berggasse zu übersiedeln – und heute selbst in Konturen und Schattierungen in Erscheinung zu treten, wie Hasmann aus ihrem Repertoire erzählt.

 

Geisterhafte Touristen

Nicht immer seien Geister nur auf der Suche nach dem Seelenfrieden. Manchen prominenten Wien-Besuchern habe es in dieser Stadt so gut gefallen, dass sie als Geist immer wiederkehrten. Etwa Giacomo Casanova, der am Spittelberg, in der Florianigasse und vor der Hofburg gesichtet wurde, in unterschiedlichsten Variationen: am Spittelberg mystisch nebelumwunden, bei der Hofburg optisch gut erkennbar mit prächtigem Haarzopf und Lächeln.

Wer oder was in der Canovagasse beim Hotel Imperial als Lichterscheinung herumgeisterte, sei lange ein Rätsel geblieben. Und es sei ein Medium gewesen, das mit dem Geist Kontakt aufnehmen können habe. Es glaube, dass es sich um Walt Disney handle. „Er drehte nach dem Krieg Imagefilme, um Wien in den USA wieder beliebter zu machen. Disney hat damals sogar die Uniformen der Wiener Sängerknaben designt.“ Was erklärt, warum sie stark an das Donald-Outfit erinnerten. Auf die Frage des Mediums, ob sie dem Regisseur ins Jenseits weiterhelfen solle, habe Disney geantwortet: „Lassen Sie mich in Ruhe, ich habe nicht vor, Wien zu verlassen.“

Spukiges

Spukbücher von Gabriele Hasmann:
- „Spukguide Wien“, Ueberreuter-Verlag
- „Die spukenden Habsburger – Blaublütigen Geistern auf der Spur“, Ueberreuter-Verlag
- „Prominente Geister“, Ueberreuter-Verlag
Spukgeschichten, -events und -bücher: www.facebook.com/Spukbuecher
- „Mystery Dinner“, das kulinarische Geistertheater in Baden bei Wien
mystery@dinner@yahoo.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2017)