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Stadtentwicklung in Graz: Bier als Energiequelle, Park auf Dach

03.11.2017 | 15:17 |  Von Michael Loibner (Die Presse)

Während das große Entwicklungsprojekt im Puntigam-Viertel mit unkonventionellen Konzepten aufwartet, kommt ein anderes nicht vom Fleck.

Bild: (c) imago/blickwinkel (imago stock&people) 

Wenn in Graz von Stadtentwicklung die Rede ist, dann meint man in erster Linie die Schaffung von Wohnraum. Denn das ist es, was die Mur-Metropole angesichts von Zuzügen und prognostizierten 5000 Hauptwohnsitzgründungen pro Jahr in naher Zukunft am dringendsten braucht. Die Grazer nutzen vor allem brachliegendes einstiges Industriegebiet, wie beispielsweise seit Jahrzehnten ungenutzte Flächen der Traditionsbrauereien Reininghaus und Puntigam.

Doch während im Zentrum des Reininghaus-Areals im Grazer Westen Hopfen und Malz verloren scheinen, was einen baldigen Baubeginn betrifft, und der Ausstieg des Hauptinvestors vor wenigen Wochen für weitere Finanzierungsprobleme gesorgt hat, stehen im Brauquartier Puntigam die ersten zwei von insgesamt neun Bauabschnitten unmittelbar vor der Fertigstellung.

 

Niedrige Preise in Reininghaus

Für den Grazer Süden, dessen bisher geringe Attraktivität als Wohngebiet sich in traditionell niedrigen Immobilienpreisen niedergeschlagen hat, soll das neue Viertel eine Aufwertung bringen. In vier Monaten ziehen hier die ersten Bewohner ein, schon jetzt hat ein Kindergarten den Betrieb aufgenommen. Insgesamt wird das neue Quartier auf 65.000 Quadratmetern Nutzfläche 2000 Menschen Wohn- und Erholungsraum Raum bieten.

 

E-Carsharing im Brauquartier

Damit – und mit einem Verkaufsvolumen von insgesamt 170 Millionen Euro – ist es nach dem Reininghaus-Vorhaben eines der größten Stadtentwicklungsprojekte in Graz. Und es wartet mit einigen unkonventionellen Konzepten auf: So wurde ein Teil der Investitionssumme durch Crowdfunding aufgebracht; und um die ökologische Nachhaltigkeit zu gewährleisten, werden die Häuser sozusagen mit Bier beheizt: Die Abwärme der angrenzenden Brauerei wird bis zu 90 Prozent der Heizenergie liefern.

Das Leben im neuen Viertel spielt sich aber nicht nur zu ebener Erde ab: Die Bewohner ab den dritten Etagen blicken direkt auf die begrünten Dächer der darunter versetzt errichteten Gewerbegeschoße. „Damit entsteht auf den miteinander verbundenen Dächern ein 5000 Quadratmeter großer, von Landschaftsarchitektin Gertraud Monsberger gestalteter Park mit Gärten, Spielplätzen, Sportmöglichkeiten inklusive Golf und Orten zum Ausruhen“, heißt es beim Gesamtplaner Scherr & Fürnschuss. Schon im Vorfeld hatten zahlreiche Kritiker befürchtet, dass es im gesamten Bezirk Puntigam zu mehr Verkehr kommen werde. Um dem zu begegnen, „wird es für 800 Wohnungen nicht mehr als 350 Tiefgaragenplätze geben“, verspricht Michael Thier, Marketingmanager der C&P Immobilien AG, die die Entwicklung des Quartiers übernommen hat.

Mit Ausnahme einer Zufahrtsstraße bleiben die Wege Fußgehern und Radfahrern vorbehalten. Und da eine leistungsstarke Öffi-Anbindung eine Vorgabe der Stadtplaner für neue Grazer Wohnprojekte ist, hat die für den öffentlichen Verkehr zuständige Holding Graz eigens eine Straßenbahnhaltestelle direkt vor dem neuen Viertel platziert. Außerdem wird das stadteigene (E-)Carsharingnetz einen fünften Standort im Brauquartier schaffen. Die Schnellbahnstation ist auch nur rund 200 Meter entfernt.

 

Straßenbahn auf Abstellgleis

Die geplante Straßenbahnlinie zu den Reininghaus-Gründen wurde hingegen am aktuellen Budget der Stadt Graz vor erst aufs Abstellgleis geschoben.

Insgesamt gibt es in Graz – die in Bau befindlichen Projekte miteingerechnet – derzeit rund 180.000 Wohnungen. Vor sechs Jahren sind es noch knapp 150.000 gewesen. „Damit ist Graz prozentuell die am stärksten wachsende Stadt Österreichs“, weiß man in der Stadtbaudirektion. Im Brauquartier werden die letzten Wohnungen Mitte 2019 bezogen sein.

Ob zu diesem Zeitpunkt im Reininghaus-Zentrum mehr von sogenannter Stadtentwicklung zu sehen sein wird als der kürzlich eröffnete Radweg, der sich derzeit durch Wiesen und überwucherte Brachflächen schlängelt, erscheint allerdings mehr als fraglich. Der ursprünglich geplante Baubeginn der Reininghaus-Wohntürme ist längst verstrichen.

NEUES WOHNEN IN GRAZ

Neues Sozialkonzept im Brauquartier: Um für ein optimales Miteinander im neuen Viertel zu sorgen, wurde das „Stadtlabor“ als Partner an Bord geholt, das – so Geschäftsführerin Barbara Hammerl – gemeinsame Aktivitäten und Events mitorganisieren soll und bereits im Vorfeld Bedürfnisanalysen durchgeführt hat. Dabei stellte sich – unweit eines Großkinos, mehrerer Nachtlokale und einer Durchzugsstraße – der Wunsch nach Ruhe als zentrales Anliegen der künftigen Bewohner heraus. Dem wird unter anderem durch Schallschutzfassaden Rechnung getragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2017)