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Gerasdorf: Letztes Einkaufszentrum auf der grünen Wiese

28.12.2011 | 09:26 |  MARTIN STUHLPFARRER (Die Presse)

An der Wiener Stadtgrenze eröffnet 2012 das „G3 Gerasdorf“ – das Einkaufszentrum soll Kunden aus der Stadt anlocken. Es wird aber das Letzte seiner Art sein.

Gerasdorf letzte Einkaufszentrum gruenen

Gerasdorf. Die örtliche Prominenz hat bereits gefeiert. Immerhin nähert sich mit der kürzlich begangenen Dachgleiche ein zehnjähriges Tauziehen seinem Ende: Die Realisierung des fünftgrößten Einkaufszentrums Österreichs in Gerasdorf, direkt an der Wiener Stadtgrenze.

Allerdings wird die Eröffnung des Einkaufszentrums G3Gerasdorf 2012 die Letzte ihrer Art sein. Denn 2004 hat Niederösterreich ein neues Raumordnungsgesetz beschlossen, um den Wildwuchs an Einkaufszentren zu stoppen. Das G3 ist das Letzte, das noch die großzügige alte Raumordnung in Anspruch nehmen konnte.

 

Einzugsgebiet: 2,2 Mio. Kunden

Die zahlreichen Einkaufszentren, die bis zur Verschärfung der Raumordnung entlang der Wiener Stadtgrenze entstanden, wurden von Wien immer als Bedrohung gesehen. Immerhin wird dadurch massiv Kaufkraft abgezogen. Beispielsweise sind die Hälfte der Kunden der Shopping City Süd Wiener. Und mit dem G3 eröffnet nahe des 10.000-Einwohner-Orts Gerasdorf ein Einkaufszentrum, das einer wirtschaftlichen Kriegserklärung an das angrenzende Wien gleicht. Auf einer Grundstücksgröße von 193.000 Quadratmetern investiert die BAI (Bauträger Austria Immobilien) rund 200 Millionen Euro. Um diesen Betrag entstehen rund 200 Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von 70.000 Quadratmetern, die 1600 Arbeitsplätze schaffen sollen. 4000 Parkplätze stehen zur Verfügung. Das Einzugsgebiet soll den Betreibern zufolge rund 2,2 Millionen Einwohner umfassen.

 

„Deutlich spürbar“ für Wien

„Für den Wiener Handel wird die Eröffnung des G3 deutlich spürbar werden“, prognostiziert Handelsobmann Erwin Pellet von der Wiener Wirtschaftskammer: „Die Kunden aus dem Umland kommen nicht mehr nach Wien. Die werden an der Stadtgrenze abgefangen, die verlieren wir.“ Diese Einschätzung teilt Wolfgang Richter vom Standortberater Regioplan: „Verschiebungen wird es vor allem bei den großen Einkaufszentren geben.“ In anderen Worten: Die nahe gelegenen Shoppingcenter auf Wiener Boden, das Shopping Center Nord und das Donauzentrum, müssten mit Umsatzverlusten rechnen.

Dabei kämpft Wien mit einem zusätzlichen Problem: „Die Einkaufszentren in Wien sind ziemlich alt“, so Richter. Diese seien vor 30 bis 40 Jahren konzipiert worden, während sich in der Zwischenzeit das Kundenverhalten verändert hat.

Wie kann Wien kontern? Die Stadt benötige etwas Innovatives, beispielsweise das Tuchlauben-Quartier in der ehemaligen Bawagzentrale, in der Nobelmarken einziehen. Denn die Kunden würden heute nicht nur ein Einkaufserlebnis suchen, sondern auch „eine Besonderheit“, so Wirtschaftsexperte Richter.

Warum sich das G3 gerade in dem kleinen Ort Gerasdorf angesiedelt hat, beantwortet Bürgermeister Alexander Vojta so: „Der Standort wurde ausgesucht, weil er verkehrstechnisch so günstig liegt.“ Immerhin sei das G3 an die Schnellstraße S1, die Autobahn A5 und die Bundesstraße B7 angebunden. Vojta: „Wir wollen, dass die Kaufkraft in Niederösterreich bleibt und nicht nach Wien abfließt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2011)