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Hinter der Stadtgrenze: Käuferseelen und Mikrolagen

03.08.2012 | 18:50 |  ELKE JAUK-OFFNER (Die Presse)

Wer der Stadt entkommen will, flüchtet ins Grüne. Das Waldviertel beispielsweise lockt mit seiner Landschaft und der mystischen, aber auch rauen Seite.

Suburbane Attraktivität und halb so hohe Preise wie in der Bundeshauptstadt – das lockt Familien mit Wunsch nach Grün in die Umgebung von Wien. Sei es nur fürs Wochenende oder für immer. Je größer die Distanz zu Wien wird, umso eher sind die Käufer auf der Suche nach Zweitwohnsitzen, in denen die Familie Raum für Wochenend- und Urlaubsaktivitäten finden soll. Das Waldviertel beispielsweise lockt mit seiner Landschaft und der mystischen, aber auch rauen Seite. „Bedingt durch die Landflucht sind die Preise hier attraktiv“, so Fridolin Angerer von Spiegelfeld Immobilien. „Da Objekte mit größerem Sanierungsaufwand bereits um 80.000 bis 120.000 Euro zu erwerben sind, kann freilich auch ein renoviertes Bauernhaus keine 800.000 Euro kosten.“ Die Interessenten halten vor allem nach Häusern mit guter Bausubstanz Ausschau, die nach eigenen Vorstellungen saniert werden können. „Für eine moderne Luxusvilla im hintersten Waldviertel wird niemand den entsprechenden Preis bezahlen“, gibt Eggert Koch von Dr. Koch Traumrealitäten zu bedenken. Hier wird zudem fündig, wer Grundstücke in Größenordnungen von mehreren Hektar sucht.

Aufgrund der kürzeren Anfahrtszeit ist geografisch gesehen der Süden des Waldviertels mit dem Kamptal bis hin zur Wachau beliebter. Auf dem Markt finden sich historische Villen, Landhäuser und Bauernhöfe. Die Quadratmeterpreise im Luxussegment bewegen sich durchschnittlich zwischen 2000 und 3000 Euro – je nach Zustand des Objekts können sie freilich erheblich differieren. Ein Anwesen mit Wohnhaus, Stadl, Waschküche und Weinkeller ist in der Ramsau derzeit zu haben – rund 400 Quadratmeter Wohnfläche und 4800 Quadratmeter Grund kosten 400.000 Euro. Ihre Liebhaber haben auch die Regionen Bucklige Welt, Wechsel und Gutensteiner Alpen sowie das Gebiet Semmering-Rax-Schneeberg. Hier findet man Objekte mit Kosten von durchschnittlich 1000 Euro pro Quadratmeter. Den Semmering hält Koch allerdings immobilientechnisch immer noch für problematisch. Während die Lagen jenseits der Stadtgrenzen vom steigenden Preisniveau Wiens profitieren, „sind die Preise in diesen Regionen nicht gestiegen, das ist ein komplett eigener Markt“.

Heutzutage sind diese Regionen leicht erreichbar, im 20.Jahrhundert wandelten sich die einstigen Sommersitze zuerst zu Wochenendhäusern und – näher zur Stadt – zum Eigenheim. In Luxusfragen sind hier heute Klosterneuburg und Perchtoldsdorf besonders interessant. Immobilientechnisch gesehen ist der Unterschied nicht sehr groß, doch in den meisten Fällen ist es eine Grundsatzentscheidung. Das heißt: pro Döbling, contra Hietzing – oder umgekehrt. Kunden mit einer Affinität zu Döbling kaufen sich kein schmuckes Haus in Perchtoldsdorf. Das ist historisch, familiär und emotional bedingt, macht Immobilienexperte Peter Marschall einen Exkurs in die Käuferseele.

 

Charmant und gut angebunden

Der Blick über die Stadtgrenze lohnt sich in mehrfacher Hinsicht – vor allem aber finanziell: Klosterneuburg ist die doch deutlich günstigere Erweiterung des 18. und 19.Bezirks auf der einen, Perchtoldsdorf und Umgebung jene des 13. und 23.Bezirks auf der anderen Seite. Mit 1,5 bis zwei Millionen Euro muss man für eine Villa in Döbling rechnen, in Klosterneuburg kosten vergleichbare Objekte 800.000 bis 1,2 Millionen Euro. Während sich die Quadratmeterpreise für Wohnungen in Döbling mit 6000 bis 7000 Euro zu Buche schlagen, wird man in Klosterneuburg schon für 3500 bis 4000 Euro fündig. Ähnlich verhält es sich mit Perchtoldsdorf. Darüber hinaus punkten bei den Interessenten Attribute wie „optimale Verkehrsanbindung“ und „pittoreske Altstadt“ – ob Klosterneuburg mit der Geschichte als Babenbergerresidenz, Purkersdorf mit seinen Loos-Bauten und Sommersitzen aus der Monarchie oder Perchtoldsdorf mit seinem historischen Kern.

Doch: „Die Kosten für Villen in Klosterneuburg orientieren sich in den Mikrolagen bereits an Döblinger Preisen“, konstatiert Marschall. „Größtenteils handelt es sich bei den Objekten um historische Bauten und Winzerhäuser mit viel Flair“, ergänzt Eggert Koch von Dr. Koch Traumrealitäten.

In Perchtoldsdorf lässt sich die Klientel gerne im Mitterberg- und Sonnbergviertel sowie „An der Heide“ nieder. Darüber hinaus ist das Gebiet zwischen der Parkstraße nördlich des Zentrums und der Badstraße südlich des Zentrums attraktiv. In Mödling sind Kobenzl mit Blick Richtung Wienerwald und „Am Eichkogel“ gute Adressen, Maria Enzersdorf punktet mit Weingartenaussichten, Hinterbrühl lockt mit der Verfügbarkeit großer, parkähnlicher Grundstücke zwischen 2000 und 4000 Quadratmetern. In Baden sind die Lagen am Mitterberg, am Kurpark und in der Weilburgstraße gefragt. Vor Ort sucht eine 2011 im klassischen Stil fertiggestellte Villa mit zehn Zimmern und parkartigem Garten um 4,95 Millionen Euro einen Käufer, so Koch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

1 Kommentare
Herman
10.08.2012 16:34
0 0

So schaut die soziale Marktwirtschaft aus.


. . . der armen Teufel müssen in die Stadt, in Betonghettos mit vier Wänden und
die Bonzen der Pfründe- und Privilegienwirtschaft erfreuen sich an Luft, Licht und Sonne.
Es fehlt der Sinn sozialer Gerechtigkeit, wenn das Land nicht gleich der Stadt modernste Infrastruktur aufweist; so kommt's zur Landflucht, Verarmung und Verstädterung.