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Auf den Dächern Wurzeln schlagen

07.09.2012 | 18:48 |  ELKE JAUK-OFFNER (Die Presse)

Den raren Platz in lichten Höhen in ein Stück Natur verwandeln: Was Dachgärten und -terrasse mitten in der City zu einem abgehobenen Refugium macht. Und wo die Grenzen liegen.

Daechern Wurzeln schlagen

Schmetterlingssträucher, Bienenweiden, Präriestauden, Nadelbäume, Gräser, Wildblumen, Gemüse, Beerenobst und Kräuter – klingt nach vielen grünen Quadratmetern, einem großen Garten draußen vor der Stadt. Doch solche Paradiese liegen auch mitten im urbanen Raum in lichten Höhen und vereinen stilistisch Welten: gestylte Wohnzimmergärten und „Urban Gardening“ – den ökologisch motivierten Biogemüseanbau von Sortenraritäten in der Stadt. Denn luxuriöse Dachgärten bieten heute ein Stück Natur und Lifestyle zugleich.

Freilich ist der Platz ganz oben rar und teuer, gute Planung das Um und Auf bei der Gestaltung des grünen Raums. Dabei gelte es, „den Charakter und Stil von innen auch nach außen zu übertragen, um ein homogenes Ganzes zu erhalten“, erklärt Wolfgang Schmid von Living-Garden-Gartengestaltung. Schließlich will man die durchdesignte Dachgeschoß- oder Penthousewohnung nicht durch den Ausblick auf eine „Gstättn“ ruinieren, auch Alpengärten werden in urbanen Höhen eher selten zu finden sein.

Ein Dachgarten kann auch ein Gesamtkunstwerk darstellen. Als Favoriten unter ihren Entwürfen nennt Alexandra Dallinger von freiraum* Gartenarchitektur „einen Freiraum mit Wasserspeier und einem seichten Wasserbecken mit einer Gitterrostabdeckung. So kann die gesamte Fläche genutzt und begangen werden.“ Das Beleuchtungskonzept ergänzt die coole Wirkung (siehe Bild rechts): „Bei Nacht erstrahlt das Wasserbecken als blaues Band und verleiht dem Raum einen ganz neuen Aspekt.“

 

Mit Rooftop-Whirpool

Wasser spielt als Gestaltungselement eine große Rolle – in Form von Wasserspiegeln und Flachwasserbecken, Wassertischen oder sogenannten „Reflecting Pools“, in denen sich der Himmel spiegelt. Wasserspiele, -brunnen und -wände werden mit einer Umlaufpumpe bewegt. Schmid plädiert dabei für fertige Brunnenanlagen, die praktischer seien: „Der Großteil der Kunden wünscht sich ja vor allem die entsprechende Geräuschkulisse, offene Wasserflächen machen Arbeit ohne Ende.“

Sehr beliebt sind Whirlpools auf dem Dach. Wenn es Platz und Statik zulassen, darf es auch ein größerer Pool sein. „Zu beachten ist, dass Wasserbecken dieser Art und Größe zumeist Aufbauten auf dem Flachdach darstellen und der daraus resultierende Höhenunterschied gestalterisch gelöst werden muss“, sagt Dallinger. „Eine schöne und praktikable Lösung stellen da Liegepodeste und Sitzlandschaften aus Holz dar“, die auch Raum zum Relaxen schaffen.

Edles Holz eignet sich auch für den Bodenbelag, besonders auf sonnenverwöhnten Terrassen. Es erwärmt sich nicht so extrem wie Stein und punktet laut Schmid zudem mit mehr Lebendigkeit. Seine optischen Varianten reichen von dunkelgrauen Nuancen bei Regen bis hin zum silbrigen Charakter als Folge der Verwitterung. Lärchenholz und Thermoesche halten länger der Witterung stand als andere Hölzer. Je schattiger die Terrasse gelegen ist, desto eher sollte Naturstein die erste Wahl sein – Sandstein oder Kalkstein. Auch Betonplatten verfehlen ihre elegante Wirkung nicht.

Ein paar Faktoren gebieten aber der Kreativität Einhalt. „Die Statik des Daches und die daraus resultierenden möglichen Auflasten sind zu beachten. Vieles, was sich unsere Kunden im Dachgarten wünschen, ist einfach zu schwer“, gibt Dallinger zu bedenken. Auf neu errichteten Balkonen beträgt die Nutzlast beispielsweise 400 Kilo pro Quadratmeter. Nicht jedes Gründerzeithaus oder altes Palais trägt das.

 

Morgensonne gefragt

Wenn man noch auf der Suche nach entsprechenden Dachflächen ist oder selbst baut, lohnt es sich, auch auf die Ausrichtung des Dachgartens nach Norden, Süden, Osten oder Westen zu achten. Denn bei der Bepflanzung ist zu berücksichtigen, dass Morgensonne für Pflanzen besser ist als Abendsonne – Pflanzen ziehen daher eine Südostausrichtung einer Südwestausrichtung vor.

Zu schaffen macht dem privaten Paradies auch die Hitze: Ab etwa 40 Grad werden Pflanzen geschädigt. „Man sollte daher darauf achten, dass es keine dunkel gestrichenen Fassadenteile als Hintergrund von Pflanzbeeten gibt“, erklärt Marlis Rief, die mit Walter Sulser und Bernd Hochwartner Weidlfein Gartenkunst vertritt. Kein Wunder, dass sich Pflanzen, die in der Natur ebenfalls an Extremstandorte angepasst sind, besonders gut für lauschige Ecken auf dem Dachgarten eignen: Sedum, Sempervidum und Grasnelken aus dem alpinen Raum, Gräser und trockenverträgliche Pracht- und Präriestauden aus Steppengebieten, Trockenrasen. Unter den Gehölzen erweisen sich die Kiefern als windfest. In jedem Fall müssen „Standort, Beschattung und Besonnung genauso passen wie zu ,ebener Erd‘“, erklärt Dallinger.

 

Raritäten in großen Trögen

„Tabupflanzen für die Dachbegrünung sind jene mit aggressiven Rhizom- oder Wurzelwachstum – insbesondere Schilf, Birken, Weiden, Pappeln, Sanddorn und ausläufertreibende Bambusarten. Diese Pflanzen sind nur dann einsetzbar, wenn sie in wurzelsicheren Gefäßen gepflanzt werden“, führt Rief aus. Da trifft es sich gut, dass laut Dallinger „große solitäre Tröge im Trend liegen, die oft mit Raritäten bestückt sind“. Schmid rät zur großzügigen Variation in der Formenwahl der Behältnisse. Im Trend liegen auch leichte, stoffartige Pflanzengefäße. Die textile Qualität ist bei hochwertigem Mobiliar noch wichtiger. „Manche Stoffe werden spinndüsengefärbt. Die Faser erhält bereits beim Ziehen die Farbe, nicht erst der fertige Stoff. Das Ergebnis ist äußerst wasserabweisend, sogar Rotwein perlt daran ab“, so Rief.

Der Sternenhimmel ist an Wirkung zwar kaum zu überbieten, doch gezielte Beleuchtung kann schöne atmosphärische Effekte schaffen. Dallinger rät daher, die Beleuchtung so konzipieren zu lassen, „dass sie den Ausblick auf die nächtlich erleuchtete Stadt unterstützt und nicht zu dieser in Konkurrenz tritt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)