Dem Wein beim Wachsen zusehen
05.10.2012 | 20:26 | CHRISTIAN LENOBLE (Die Presse)
Domizile in Winzerregionen sind in ganz Österreich rar. Am ehesten finden sich Herren- und Bauernhäuser.

Die Wiener Weinbergelandschaft hat lange Tradition und verläuft von den nordöstlichen Randlagen des Stadtgebiets am Fuße des Bisambergs, in Stammersdorf, Strebersdorf und Jedlersdorf über südliche Regionen in Mauer, Oberlaa und Laaerberg bis hin zu Teilen des 19. Gemeindebezirks. Allein zwischen Neustift am Walde und Nussdorf liegt ein rund zehn Kilometer langer Weg, der ausschließlich durch Weinanbaugebiete führt, wo sich so mancher gerne niederlassen würde. Immerhin rühmt sich Wien, die einzige Hauptstadt mit nennenswerter Weinproduktion zu sein. Wo die Rebenkultur quasi zum Stadtbild gehört, kann es auch an Wohnplätzen inmitten von Weinbergen nicht mangeln. Sollte man meinen. Doch das Angebot an Eigentum ist rar, vor allem was echte Luxuslagen betrifft.
„Häuser in wirklich schönen Weinberglagen sind in Wien schwer zu bekommen. Eigentumswohnungen mit unterschiedlichen Standards finden sich jedoch immer wieder auf dem Markt“, sagt Elisabeth Huber vom Dr. Max Huber Realbüro. „Wohnen am Weinberg ist möglich, aber nur sehr eingeschränkt. Grundstücke oder Häuser kommen höchstens von Zeit zu Zeit in den Verkauf. Einzelne Spots lassen sich eventuell im 19. Bezirk noch finden, mitunter in Teilen von Hernals und Ottakring oder in Wien Süd, also Mauer, Perchtoldsdorf“, bestätigt ebenso Immobilienmaklerin Margret Funk.
Seltenes Gut
„Rar und teuer“ lautet die Regel in einem Segment, in dem es für Interessenten gilt, intensiv zu suchen und im Anlassfall rasch zuzuschlagen. Dass dabei tief ins Portemonnaie gegriffen werden muss, versteht sich von selbst. „Schnäppchen gibt es kaum auf dem Markt. Ein sehr gutes Grundstück, das eine entsprechende Größe von mindestens 1000 bis 2000 Quadratmetern sowie eine tolle Lage aufweist und das mit einem unverbaubaren Ausblick lockt, kann schon 3000 Euro pro Quadratmeter kosten“, weiß Funk. Ein Haus in erstklassiger Lage und mit entsprechender Ausstattung habe in den Wiener Weinbergen einen Marktwert von 12 bis 15 Millionen Euro – oder mehr. Ähnlich enge und hochpreisige Marktperspektiven ergeben sich ebenfalls bei der Suche vor den Toren Wiens. Etwa in Klosterneuburg, wo eine derzeit verfügbare Luxusvilla für Liebhaber mit Anspruch auf Weinbergblick eher die Ausnahme von der Regel darstellt. 2006 wurde das Haus auf einem rund 800 Quadratmeter großen Grundstück errichtet. Fünf Schlafzimmer, zwei Bäder und drei Toiletten verteilen sich auf 340 Quadratmeter Wohnfläche. Von fast allen Räumen sowie von den 120 Quadratmeter großen Terrassen und Balkonen bietet sich den künftigen Eigentümern ein Blick über Wien, die Donau und das Stift Klosterneuburg. Die Lage im Ortsteil Sachsenviertel bietet Naturnähe in einem Weinberggebiet am Rande des Wienerwaldes und zugleich eine rasche Anbindung an den 19. Bezirk.
Wohnen in den Weinbergen ist freilich nicht nur in und rund um Wien ein Thema. Geschätzt werden vom Burgenland bis Vorarlberg sonnige und ruhige Lagen sowie die relativ große Sicherheit der Unverbaubarkeit solcher landwirtschaftlicher Flächen. „Während in Wien und Klosterneuburg die Exklusivität der Stadtteile im Fokus liegt, stehen in ländlicheren Regionen oft individuelle Aspekte im Vordergrund. Beispielsweise Einzellagen und größere Grundstücke, manchmal mit eigenem Weingarten, und viel umgebende Natur“, so Huber.
Herren- und Bauernhäuser gefragt
Je ländlicher der Raum sei, desto eher handle es sich um einen Markt, auf dem sich alte Herren- und Bauernhäuser großer Beliebtheit erfreuen. Doch wie in der Bundeshauptstadt ist auch in Restösterreich das Angebot an von Weinreben umrankten Luxusimmobilien gering. „Um ein Anwesen kaufen oder bauen zu können, muss im Grünland, also in den Weinbergen, ein Baugrund vorhanden sein. Dies ist, wenn überhaupt, nur am Rand der Weingärten oder dort vorhanden, wo die Weingärten bis an die Dörfer und Städte herangehen. Also selten, da eine Luxusimmobilie oft von guter Lage und Aussicht sowie Einzellage lebt“, erklärt S-Real-Geschäftsführer Michael Pisecky.
Die besten Aussichten auf sehr gute Einzellagen gebe es zweifellos in der Südsteiermark. Gehobene Immobilien in den Weinbergen sind hier österreichweit am öftesten anzutreffen und zugleich sehr gefragt – was sich auf das Preisniveau auswirkt. Auch in der steirischen Landeshauptstadt sind mitunter Grundstücke und Häuser zu finden. Wenn auch nicht mehr alle alten Weinunternehmen in Betrieb sind, ist in Graz doch noch das Flair der Weinberge spürbar. Eine ähnliche Situation wie in der Südsteiermark findet man auch im Süden Burgenlands. „Hier kommen immer wieder alte Bauernhöfe, die oft sehr gut restauriert sind, zum Verkauf. Auch wirkliche Luxusimmobilien gibt es hier noch – zu einem generell etwas günstigeren Preisniveau“, erklärt Pisecky.
Für ein sehr geringes Angebot an Luxus-immobilien bei einer gleichzeitig hohen Nachfrage steht wiederum die Wachau, wo man am ehesten in den Dörfern fündig wird. Seinem Namen keine Ehre macht bezüglich Weinberglagen hingegen das Weinviertel. „Einzellagen für gehobene Ansprüche sind praktisch nicht vorhanden. Die Weinbauernhöfe liegen in den Dörfern, in den Weingärten gibt es keinen Baugrund“, weiß Pisecky. Nur Liebhaber von oftmals sehr detailgetreu ausgebauten Weinkellern kommen hier auf ihre Rechnung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)
















