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Wohnungen von Designerhand: Stilmix, Showküche, Schuharchiv

14.12.2012 | 18:44 |  ELKE JAUK-OFFNER (Die Presse)

Interior-Design. Die anspruchsvolle Klientel übernimmt kaum Grundrisse, rückt aber mit einer Armee von Gestaltern an.

Wohnungen Designerhand Stilmix Showkueche

Eine Wohnung von der Stange? Im Luxussegment ist das fast ein No-go. „Der Kunde bekommt den konfektionierten Maßanzug“, sagen Erich Bernard und Markus Kaplan von BWM Architekten. Es gilt das ungeschriebene Gesetz: „Je teurer eine Wohnung ist, umso flexibler muss sie auch sein“, ergänzt Andreas Schmitzer von project A01 architects. Dieser Spielraum zur Ausgestaltung höchst individueller Bedürfnisse ist vom Projektstart weg ein Thema: „Es muss eine Grundstruktur mit gezielten Freihaltungen geschaffen werden, die viele verschiedene Szenarien ermöglicht“, betonen Bernard und Kaplan.

Projektentwickler, Architekten und Innenarchitekten arbeiten heutzutage vielfach bereits von Anfang an eng zusammen. Schließlich wird schon allein der vorgesehene Grundriss von Kunden oftmals verworfen, weil sie eine alternative Zimmereinteilung wünschen. „Die Wünsche der Zielgruppe sind so speziell, dass man sie im Vorfeld praktisch nicht erfüllen kann“, sagt Martin Müller, Geschäftsführer von JP Immobilien. Standards im High-End-Bereich betreffen vor allem Allgemeinflächen: großzügige Entrées, mehrere sicherheitstechnische Schleusen mit Foyer, Dienstbotenbereich und Windfang, doppelte Stiegenhäuser für den privaten und den öffentlichen Bereich.

Innerhalb der privaten vier Wände sind große, offene Flächen jenseits kleinteiliger Raumstrukturen gefragt. Schlaf- und Kinderzimmern sind jeweils Bäder zuzuordnen, „diese Räume müssen wie Hotelsuiten gedacht werden“, sagt Kaplan. Ein großzügiger Masterbedroom und Spa-ähnliche Bäder mit Sauna, Dampfbad und Whirlpool werden im gehobenen Luxussegment ebenso vorausgesetzt wie begehbare Schränke, Bereiche für Gäste und Personal – und Klimatisierung. „Kühldecken werden von der internationalen Klientel einfach gewünscht, auch im Altbau“, berichtet Müller. Der offene Kamin erlebt eine wahre Renaissance, in der Ausstattung sind natürliche Materialien von hoher Wertigkeit das Thema schlechthin. Vielen geht es um eine „authentische, nicht eine pseudodekorative Atmosphäre“, so Bernard, „der klassische Ruf nach dem Marmorbad ist auf jeden Fall überholt, viele Bauherren haben da eine regelrechte Abwehrhaltung, ja es gibt fast eine Gegenbewegung“. Oberflächen werden von den Käufern gern selbst definiert, Holz und Naturstein in großen Formaten liegen im Trend.

 

Geschmack und Gewohnheiten abfragen

Kunden kommen laut Müller oft mit einer Armee an Beratern – Architekten, Interior-Designer, Mediendesigner: „Manche lassen sich bis zum Polsterbezug alles designen.“ Interior-Designer Denis Košutić entwirft für seine Klientel Teppiche, Tapeten, Lampen. Statt mit Visualisierungen arbeitet er mit Stoffmustern und Co. Am Anfang wollen allerdings Bedürfnis und Geschmack analysiert werden – von den Koch-, Ess- und Arbeitsgewohnheiten und den Umfang des Schuharchivs über die gelebte Gastfreundlichkeit und die Integration bestehenden Besitzes bis hin zu möglichen Tabus von bestimmten Farben oder Stilepochen. In seiner „Mix and Match“-Technik verbindet der Designer Stuck und Antiquitäten mit Trends aus Mode und Design, wagt kühne Farb- und Musterwechsel von Wohnaccessoires und Möbeln: „Jeder kann ein Designersofa hinstellen und das Zimmer ist möbliert, aber das ist meiner Ansicht nach nicht Sinn der Sache. Es geht um Einmaligkeit.“ Oft wird er bereits im Zuge der Wohnungssuche zurate gezogen, um die Machbarkeit der Wünsche, aber auch die Grenzen der Machbarkeit aufzuzeigen.

Was früher im Planungsprozess noch wenig bis gar nicht berücksichtigt wurde, hat mittlerweile immer mehr an Bedeutung gewonnen: die Lichtgestaltung. „Früher gab es als Standard einfach in der Mitte der Decke und an der Wand Möglichkeiten für Leuchten“, erinnern sich Bernard und Kaplan, „jetzt wird Licht viel differenzierter eingesetzt.“ Indirekte Beleuchtung wird geschätzt, Spots werden an den ungewöhnlichsten Stellen platziert, Lichtobjekte und im Boden integrierte Leuchten sollen die besondere Atmosphäre unterstreichen. Selbst das Thema Vorhang wird bereits in der Planung mitgedacht – etwa mittels in der Decke vorgesehener Schlitze.

 

Die Kocharbeit verstecken

Vielfach gewünscht ist die Küche hinter der Küche: Während in der Produktionsküche, der sogenannten „Dirty Kitchen“, das Personal die Vorarbeit leistet, wird in der „Show Kitchen“ bloß noch das Sahnehäubchen auf die Kulinarik gesetzt.

In Sachen Technik scheidet sich die Klientel in zwei Gruppen: auf der einen Seite jene mit hoher Affinität zu allerlei Spielereien, die gern vom Handy aus die Heizung bereits auf dem Flughafen aktiviert, auf der anderen jene mit Priorität für konventionelle Lichtschalter. Sie sind in größerer Zahl zu finden. „Ein Bussystem bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, allerdings ist es aufgrund seiner Komplexität nicht jedermanns Sache“, sagt Schmitzer. „So viel komplizierte Technik kann auch anstrengend sein, gerade, wenn es sich nicht um den Hauptwohnsitz handelt“, ergänzt Müller. Grundsätzlich hat der Multimedia-Luxus aber enorm an Bedeutung gewonnen. Allein der allerorts komfortable Zugang zum Internet erfordert eine ausgeklügelte Planung: „Wir haben zuletzt in einer Wohnanlage WLAN- Router von der Garage über den Lift bis in den Garten verteilt“, erzählt Schmitzer.

Im Luxussegment sind Extras freilich die Regel – und sie dürfen durchaus außergewöhnliche Dimensionen annehmen. Für einen russischen Oligarchen hat das BWM-Architektenteam auf der Dachterrasse ein Schwimmbecken geschaffen, das nur durch eine Glaswand vom Innenraum getrennt war – für ein spektakuläres Aquarium-Feeling.

 

Bello spielt auf dem Dach

Gerade Freiflächen über den Dächern der Stadt bieten viel Raum für Spielereien, das kann auch schon mal eine kleine Hundewiese sein. Individualität ist Trumpf, es kommt aber vor, dass das Interior-Konzept überhaupt schon bis ins Detail realisiert ist, wenn die Wohnung auf den Markt kommt: „Wir richten auch im Palais Herzmansky eine fix und fertig designte Musterwohnung ein. Das birgt natürlich ein gewisses Risiko, weil die Geschmäcker verschieden sind, gewisse Zielgruppen schließt man so aus – manche Kunden bevorzugen dieses Angebot aber aus Bequemlichkeitsgründen.“

Gerade die Klientel aus dem arabischen, russischen und osteuropäischen Raum unterscheidet sich in ihren Vorstellungen doch von der heimischen: Während die einen nach wie vor ein Faible für goldene Armaturen und Co. haben – „sie mögen es zumeist pompöser und zeigen gern, dass etwas teuer ist“ –, wählen heimische Käufer eher nach Kriterien von Purismus und Schlichtheit. Eben alles eine Frage des Geschmacks.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2012)