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Exklusiv: Freie Sicht auf den Himmel über Wien

11.01.2013 | 18:27 |   (Die Presse)

Über den Dächern der Stadt lässt es sich wundervoll wohnen – wenn man ein bisschen mehr ausgibt.

Freie Sicht

Sehen und gesehen werden“ mag auf dem roten Teppich seinen Wert haben, wenn es ans exklusive Wohnen geht, ist ersteres durchaus immer noch ein Muss, letzteres aber ein absolutes No-Go. Uneinsehbar und höher als alle anderen hat eine Immobilie zu sein, wenn sie in der Liga der innerstädtischen Prestigeobjekte mitspielen will.

„Der Blick ist im Luxussegment ganz, ganz wichtig“, weiß Peter Marschall, geschäftsführender Gesellschafter von Marschall Real Estate, „absolute Top-Preise erzielt man nur dann, wenn auch der Blick gegeben ist.“ Das bestätigt Maklerin Elisabeth Rohr: „Der Ausblick ist das allererste, worauf die Leute achten. Wenn ein Objekt im Luxusbereich keinen Blick hat, ist das immer ein Problem.“ Entsprechend mehr lassen sich die Käufer den Himmel über Wien kosten: Um gute 20 Prozent steigert die perfekte Aussicht den Kaufpreis einer Immobilie – das Interesse an einem solchen Objekt sogar um ein Vielfaches: „Im Goldenen Quartier gibt es derzeit dreimal so viele Besichtigungstermine für das Objekt, das einen direkten Blick auf den Kohlmarkt bietet, als für alle anderen“, berichtet Rohr. „Obwohl man meinen könnte, dass das Goldene Quartier so besonders ist, dass dies hier nicht so wichtig wäre.“

 

Keine Kompromisse

Doch ab einer gewissen Grenze gibt es keine Kompromisse mehr, wenn mehrere Millionen in die Hand genommen werden, muss alles passen. „Wer wirklich Geld hat, will heute das Optimum kaufen“, so Marschall, „jede Form von Kompromissbereitschaft geht stark zurück. Früher konnte ich noch eine Wohnung um zehn Prozent billiger verkaufen, weil die Dachterrasse nur über eine Wendeltreppe zu erreichen war. Heute würde das ganze Objekt damit zum Ladenhüter.“

Das Optimum fängt auch bei den Dachgeschoßwohnungen mit dem berühmten „Lage, Lage, Lage“ an, wobei hier zukünftige Entwicklungen noch stärker zu bedenken sind: „Auf Besichtigungen in diesem Bereich muss man sich als Makler sehr gut vorbereiten“, erklärt Martin Müller, Geschäftsführer JP Immobilien. „Die Kunden wollen wissen, was rund um das Objekt in Zukunft entstehen könnte, das die Aussicht und die Uneinsehbarkeit stört, ob nebenan ausgebaut werden darf und wie der Flächenwidmungsplan in der Umgebung aussieht.“

 

Auf einer Ebene

Innerhalb der eigenen vier Wände ist neben den üblichen Standards im Luxussegment – großzügige Raumaufteilung, Wellness- und Spa-Bereich, hochwertigste Materialien, Garagenplatz und eine Haustechnik, die alle Stückerln spielt – das Wohnen auf einer Ebene gefragt. Wobei durchaus Ausnahmen gemacht werden: „Wenn die Etagen durch einen Lift oder eine großzügige Treppe gut verbunden sind, müssen zwei Ebenen kein Nachteil sein“, erklärt Müller. Zwingend auf derselben Ebene müssen aber der Wohn- und der Außenbereich liegen, und dieser muss auch eine gewisse Mindestgröße aufweisen. 25 bis 30 Quadratmeter sind hier die Untergrenze, und die Fläche muss auch ausreichend Tiefe bieten, damit kein „Schlauchgefühl“ aufkommt. „Die Terrasse muss wirklich nutzbar sein“, meint Müller. Die schon so genannte ,Silvesterterrasse‘, die nur über eine Wendeltreppe erreichbar ist, erfreue den potenziellen Käufer nicht wirklich, auch wenn mittlerweile Speiseaufzüge von der Küche auf die Terrasse schon fast State of the Art seien.

 

Grün ist nicht immer gefragt

Auch ein wenig Grün darf nicht fehlen, wobei das Anlegen eines aufwendigen Dachgartens nicht jedermanns Sache ist – oft übersteigt der Pflegeaufwand, den ein grünes Paradies über den Dächern der Stadt bedeutet, das Maß dessen, was die Bewohner zu investieren bereit sind.

„Etliche Vermieter von exklusiven Dachgeschoßwohnungen haben schon von der Gestaltung der Gärten Abstand genommen“, berichtet Rohr. Ein unumstrittenes Plus ist dagegen ein Jacuzzi, zumal dieser auch nachträglich auf dem Dach verwirklicht werden kann – im Gegensatz zu einem Pool. Denn der bedeutet „einen Riesenaufwand, der eigentlich nur umsetzbar ist, wenn er bereits in der Bauphase geplant wird“, so Marschall.

 

Zu viel des Guten

Doch vereinzelt kann das Optimum dann auch optimaler sein, als der Mensch erträgt. Das konnte Elisabeth Rohr kürzlich feststellen, als sie nach dem Einzug der Kunden in ein von ihr vermitteltes Objekt eingeladen war, das in Sachen „Wohnen mit Ausblick“ wirklich alle Kriterien erfüllt hatte: Absolut uneinsehbar bot die Wohnung mit einer Glaskuppel den perfekten Rundumblick. Den hatten die neuen Eigentümer jetzt allerdings geschmackvoll mit Jalousien verhängt – manchmal braucht der Mensch eben doch wieder seine Höhle. SMA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)