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Ist das Haus auf dem Land ein Auslaufmodell?

18.01.2013 | 18:37 |  ELKE JAUK (Die Presse)

Über die Neuinterpretation des Dorfes in der Stadt und urbanes Wohnen auf dem Land.

Wohnen am Land

Es gibt viele Gründe, von der Stadt aufs Land zu ziehen: Die Einen möchten zu ihren Wurzeln zurückkehren, andere suchen nach Lebensformen abseits des Trubels. Für junge Familien sind oft finanzielle Gründe mitentscheidend – Grund und Boden sind meist erschwinglicher als in der Stadt –, Kreative und Individualisten streben nach dem Außergewöhnlichen: „Denen kann nichts originell genug sein. Das Interesse reicht von der alten Mühle bis zum Bauernhof mit Plumpsklo“, hat Immobilienexperte Peter Marschall beobachtet.

Grundsätzlich geht der Trend allerdings in die andere Richtung. Weltweit leben bereits mehr Menschen in Städten als auf dem Land, in Europa mehr als 70 Prozent der Bevölkerung, Österreich liegt mit 68 Prozent knapp darunter – Tendenz steigend. Das beschauliche Leben auf dem Lande, der Mauerwerk gewordene Wohntraum mit eigenem Garten – ist der Wunsch von Generationen von Familien auf dem Weg, zum Auslaufmodell zu werden? „Das Häuschen im Grünen ist als Traum sehr wohl noch vorhanden, als Lebenskonzept überholt es sich jedoch sukzessive“, urteilt Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts Österreich. Das Einfamilienhaus habe sich in der Nachkriegsphase als Modell etabliert – „auf Basis der Vorstellung von der trauten Kleinfamilie, die ewig zusammenbleibt.“ Gewandelte Familienverhältnisse, der Energieaufwand in der Errichtung und die Kritik an der Zersiedelung der Landschaft haben dem Ideal jedoch zugesetzt.

 

Ideal unter Druck

Unter Druck geraten sei das Ideal auch durch ideologische Zuschreibungen, ergänzt Martin Mutschlechner vom Innsbrucker Architekturbüro Stadtlabor. „Urbanität umschreibt Ideale wie Bildung und Weltoffenheit. Dem steht der Begriff des Ländlich-Rustikalen gegenüber, der in seinem Wortstamm auf Verschlossenheit verweist, auf Menschen, die nicht über den Tellerrand blicken.“ Dazu passe auch die Problematik der „Schlafdörfer“: Menschen wohnen auf dem Land, leben aber tagsüber ein Stadtleben, sind mittelmäßig integriert und wollen gar nicht mehr. Sie wünschen sich Bauten mit Flachdach und loftähnlichen Raumstrukturen, der Kontext zum Umfeld wird architektonisch oftmals vermieden. „Außenräume werden zumeist nur für Autos geschaffen, für das Dorf selbst haben sie keine Bedeutung“, kritisiert der Architekt.

Veränderungen passieren aber nicht von heute auf morgen, „gerade Wohnen ist ein Phänomen mit großer Trägheit“, nimmt Gatterer den Faden auf. Man müsse also mindestens ein Jahrzehnt in die Zukunft blicken, dann erweise sich das Einfamilienhaus nicht mehr als der Weisheit letzter Schluss. Der Trendforscher sieht die Zukunft in Wohnmodellen mit fließenden Übergängen zwischen Grün- und Stadtraum, Anlagen, die eine Infrastruktur für das Alltagsleben wie Spielplatz oder Einkaufsmöglichkeiten bereitstellen und Menschen, die sich Häuser und Arbeitsräume teilen.

 

Best of Dorf . . .

Für solche Modelle muss man aber nicht unbedingt aufs Land ziehen, „das Dorf gibt es auch in der Stadt“, sagt Mutschlechner – in Stadtteilen, die wie Dörfer funktionieren und in ihren Wegen und Flächen ähnlich strukturiert sind. Die Sensibilisierung für Grünflächen, Überschaubarkeit und kurze Wege, der Trend zum Urban Gardening, der Wunsch nach Nahversorgung und Lebensqualität zeugten davon, dass man sich ein „Best of Dorf“ in der Stadt wünscht.

„Man hat sich vieles vom Dorf abgeschaut – manches können die Dörfer jedoch mittlerweile selbst nicht mehr leisten“, meint auch Gatterer. Ist also das Dorf selbst eine gesellschaftliche Lebensform mit Ablaufdatum? „Kleinere Orte müssen ihre eigene Identität wiederentdecken, um bestehen zu können. Und sie müssen die städtischen Vorteile verstehen“, so der Zukunftsexperte.

 

. . . und Vorbild Stadt

Dazu gehören etwa Außenbereiche, die dem Dorf zusätzliche Qualitäten bieten und von allen genutzt werden, betont Mutschlechner. Als Beispiel führt er das Projekt „Wohnen im Grünen“ zur Dorferweiterung der Südtiroler Gemeinde Plaus an. Dieses sieht eine Vereinheitlichung des Areals durch eine Siedlung von 18 Einfamilienhäusern und einem Mehrfamilienhaus sowie die Errichtung von unterirdischen Autoabstellplätzen – also strikte Autofreiheit – vor. Noch einen Schritt weiter geht man in Teis im Villnössertal, das „durch die Weiterführung der Dorfstruktur sowohl in den Gebäuden als auch im Wegenetz wächst“.

Und dass urbanes Wohnen auch im ländlichen Raum stattfinden kann, zeige schließlich ein Projekt für die Südtiroler Gemeinde Vintl, das klassische urbane Typologien wie Geschoßwohnungen und Wohntürme vorsieht. Sie verschmelzen mit ländlichen Gebäudehüllen: „Das Bild einer Scheune wird über das Gebäude gestülpt. Eine einfache, alpine Bauform mit einer homogenen Holzfassade camoufliert großzügiges Wohnen mit großen Öffnungen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)