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Leben im Loft: Keine Zimmer, bloß Raum

08.02.2013 | 18:24 |  ELKE JAUK-OFFNER (Die Presse)

Viel Licht, viel Luft, viel Platz: Das schätzen vor allem Kreative, durchaus aber auch Familien. Vom Wohnen zwischen Industrial Chic und Wohnzellen für die Kinder.

Raumhöhen von bis zu fünf Metern, Wohnflächen bis 300 Quadratmeter. Riesenfenster, Stahl und Glas, Sichtbeton und Backsteinwände. Dazu ungewöhnliche Wohnaccessoires, die als stumme Zeugen einer vergangenen Epoche Authentizität versprühen, etwa alte Maschinenteile oder im Boden eingebaute Brückenwaagen. Das ist der Stoff, aus dem die Träume vieler loftaffiner Menschen gemacht sind. „Raum ist der Luxus von morgen“, sagt Projektentwickler Walter Asmus von der CityLoft-Art GmbH. Er hat sich Objekten wie der Schokoladen- oder der ehemaligen Ankerbrotfabrik in Wien Favoriten angenommen, in letzterer wird zwar nicht gewohnt, haben aber Künstler ihre Ateliers eingerichtet, sind Galeristen eingezogen, werden im Mai die Wiener Festwochen Station machen.

 

Runden zum Genießen ...

Wer sich eine kleinteilige Aufteilung im Loft wünsche, habe den Gedanken des Modells nicht wirklich verstanden, es gehe um Licht, Luft und Raum. Und nicht zuletzt um Möglichkeiten, großformatige Bilder oder einen Klavierflügel adäquat zu inszenieren. Oder darum, so Asmus, die Grenzen zwischen Arbeiten und Leben auch mal verschwimmen zu lassen. So wird der massive hölzerne Tisch in einem Künstleratelier in der Ankerbrotfabrik für berufliche Brainstormings genauso genutzt wie für samstägliche Genussrunden.

„No rooms, just space“ lautet der Slogan des Projekts „Lofts20“ in Wien Brigittenau – ein ehemaliges Einrichtungshaus aus den 1950er-Jahren, das gerade von Architekt Zoran Bodrozic zu großzügigen Wohneinheiten umfunktioniert wird. Der hier nicht ganz so ausgeprägte Industriecharakter wurde durch eine neu geschaffene Cortenstahl-Fassade verstärkt.

Rau, grob, unbehandelt – es ist eben die industrielle Aura eines Lofts, der vor allem Kreative nach wie vor magisch anzieht. Und unter ihnen wiederum vor allem Singles oder Paare, die dieses Raumgefühl schätzen. Doch selbst die offensten Zeitgenossen möchten sich ab und zu ein wenig zugeknöpft geben, sich optisch und akustisch vom Mitbewohner abschotten. Dabei können Kojen zum Schlafen, Raumteiler, Vorhänge oder Möbel helfen. „Glasschiebewände haben sich als gute Lösung erwiesen, um den Raum auch in seiner Größe zu erhalten“, sagt Bodrozic.

Der Wunsch nach Zonen, in die man sich auch einmal zurückziehen kann, wird vor allem zum Thema, wenn sich die Familienstrukturen dann doch ändern. „Lofts sind zwar auch für Familien oder mehrere Generationen geeignet“, meint Kurt Sattler vom Architects Collective, allerdings brauche man dann schlicht mehr Platz, um das Wohngefühl zu erhalten. Denn „der typische Loft-Charakter meint auch Atmosphäre und einen bestimmten Lebensstil“, so Sattler.

 

... Runden auf dem Roller

Dass ein Loft aber durchaus mithalten kann, wenn sich die Umstände ändern, zeigt das Beispiel von Klaus Petraschka, der in einer 350 Quadratmeter großen Einheit in der ehemaligen Mühlenbauanstalt und Maschinenfabrik L. Hoerde & Co. in der Leopoldstadt wohnt. Der Statiker, der auch beim Umbau des Objekts mitarbeitete, hat das Raumgefüge im Lauf der Jahre einfach seinen Bedürfnissen angepasst: Anfangs kombinierte er Wohnen und Arbeiten, mittlerweile leben auch drei Kinder unter dem Fabriksdach. Neben dem klassischen Argument der Großzügigkeit von Raumhöhen und Flächen schätzte Petraschka schon damals vor allem die Tatsache, „dass man den Grundriss frei konstruieren und gestalten konnte“. Die Flächen wurden in Größenfeldern von 20 Quadratmetern verkauft, durch mehrere dazwischenliegende Versorgungsschächte „gab es pro Wohneinheit zwei bis vier Möglichkeiten, Küche und Bäder anzuschließen“, berichtet Architekt Martin Koczy von project-m. Aufgrund der Raumhöhe von fast fünf Metern wurden in dem Gebäude in mehreren Geschoßen Galerien aus Stahl eingezogen. Auch Petraschka hat die Wohnfläche seines Lofts durch solch ein Element von 250 auf 350 Quadratmeter erweitert. Dort gibt es inzwischen Wohnzellen für die Kinder. „Wir haben quasi ein Haus im Haus geplant, die Flexibilität des Raumgefüges macht das möglich.“

Der Wohnbereich inklusive Vorraum und Küche erstreckt sich nach wie vor über 120 Quadratmeter und eignet sich auch „zum Rollerfahren und Hund-durch-die-Wohnung-Jagen“, schmunzelt Petraschka. Bei derlei Aktivitäten vergeht einem dann auch etwaiges Frösteln, denn die Raumtemperatur ist eine klassische Schwachstelle in vielen Lofts. „Sogenannte Luftwalzen sind üblich, man spürt einfach einen leichten Zug“, erzählt Petraschka. „Ein Loft ist schwerer zu beheizen“, bestätigt Koczy, „der Heizwärmebedarf sollte bei der Entscheidung für dieses Wohnmodell nicht unbedingt ein wesentliches Kriterium sein“. In der Hoerde-Fabrik wurden Fußbodenheizungen verlegt, um eine möglichst gleichmäßige Wärme zu erzeugen, „denn Heizkörper können hohe Schwankungen zwischen 16 und 26 Grad im Raum zur Folge haben“.

 

Mit Garten vor der Tür

Industriecharakter schön und gut, eine „nüchterne, unpersönliche Halle“ wollte Petraschka keinesfalls haben. Und der Blick aus dem Loft, ins Grüne, unterstreicht diesen Wunsch: Im Hof gibt es einen rund 1000 Quadratmeter großen Garten, mitten in der Leopoldstadt, die Familie kann ihn gemeinsam mit zwei weiteren Parteien nutzen.

Besonderer Glücksfall: Der einstige Eigentümer der Fabrik, der Industrielle Ludwig Hoerde, hatte dort annodazumal einen botanischen Garten angelegt, erzählt Petraschka. „Kleine Überreste findet man da und dort immer wieder.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)