Von bösen Bodenbelägen und schönem Stuck

20.11.2015 | 16:49 |  Von Sabine Mezler-Andelberg (Die Presse)

Stilaltbauten. Was darf man bei Renovierungen, was ist sinnvoll, wie viel Veränderung vertragen die alten Wände?

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Hohe Decken, schöne Flügeltüren, glänzende Sternparkette – die Entdeckung von Ölfarbe unter drei Schichten alter Tapeten, die erfolglose Suche nach dem rechten Winkel und die Deckenabhängungen vom Vorbesitzer: Die Assoziationen mit Stilaltbauten sind so vielfältig wie die Häuser, in denen sie zu finden sind. Wenn sie richtig hergerichtet sind oder werden, sind sie das Traumdomizil all jener, die eine Wohnung mit besonderem Charme zu schätzen wissen. Wird aber an der falschen Stelle gespart, ist dieser bald verflogen, und zurück bleiben nur hohe Heizkosten für hohe Räume. Was also darf man in Stilaltbauten und was nicht? Ist auch die Raumaufteilung sakrosankt oder nur die Erhaltung der Flügeltüren? Wo darf gespart werden, wenn das Budget nicht für alles reicht, und welche neuen Elemente können wie sinnvoll sein?

„Im Grund sind es nur eine Handvoll Dinge, die man unbedingt beachten muss“, ist Peter Kaswurm, Projektentwickler und Geschäftsführer von Kaswurm Immobilien, überzeugt. Der teuerste Aspekt sind sicherlich die Kastenfenster, aber deren Erhaltung beziehungsweise Wiederherstellung macht eben auch viel aus. Wobei die Entscheidungshoheit hier oft nicht beim einzelnen Eigentümer liegt. „Grundsätzlich sind die Fenster und die Fassade Sache des Vermieters beziehungsweise der Hausgemeinschaft, außerdem gibt es oft eine Abstimmungsverpflichtung mit der MA 19 für Stadtgestaltung“, weiß Architekt Thomas Moosmann. „Da kann es durchaus sein, dass auch grausliche und unproportionale Dinge nicht ersetzt werden können, damit die Hausfassade homogen bleibt.“ Im Inneren stehen die Möglichkeiten, es richtig oder falsch zu machen, dagegen jedem Einzelnen offen – von der Decke bis zum Boden.

Die Decken

„Ein wirklich großer Fehler, den viele machen, ist, eine Deckenabhängung bis ganz an die Wand zu ziehen“, sagt Kaswurm. „Damit geht die typische Deckenrundung im Stilaltbau verloren, und der Raum verliert sofort an Flair.“ Schon ein paar Zentimeter weniger würden einen mächtigen Unterschied machen: „Wenn die Platte, in der beispielsweise Spots untergebracht sind, nur 20 Zentimeter vor der Wand aufhört, gibt das ein wunderschönes indirektes Licht, das diese Rundung betont“, so der Entwickler.

Der Klassiker an der Decke ist allerdings die Stuckrosette. Dass sie da, wo sie noch vorhanden ist, erhalten und aufpoliert werden sollte, steht für Altbauliebhaber außer Frage. „Es ist allerdings auch keine Sünde, eine neue zu kleben“, meint Innenarchitektin Anke Stern. „Und es kann auch interessant sein, das zu überzeichnen und zu zitieren, indem ich gleich mehrere solcher Rosetten anbringe“, nennt sie andere Optionen. So etwas müsse dann aber unbedingt homogen mit der Decke bleiben und dürfe nicht auch noch mit Gold angestrichen werden, warnt sie.

Die Wände

Auch bei den Wänden lässt sich mit etwas Fantasie und Mut zu ungewöhnlichen Ideen der Charme der Vergangenheit in die Neuzeit bringen. Bekanntlich lassen sich – nicht unbedingt immer zur Freude der neuen Besitzer – an den Wänden alle Arten alter Tapeten und Farben übereinander finden. „Da erlebt man oft tolle Überraschungen“, weiß Stern. „Aber wenn dieses Mischmasch harmonisch ist, kann man es durchaus auch an einer Stelle erhalten und beispielsweise einen tollen Rahmen herumhängen“, so die Innenarchitektin.
Auch bei alten Vertäfelungen gilt die Prämisse, zu erhalten, was erhalten werden kann. „Es ist eine Todsünde, die alten Vertäfelungen rund um die Fenster herauszureißen und stattdessen PVC-Fenster und Rigipsplatten anzubringen“, betont Kaswurm Dass alle Flügeltüren zu erhalten seien, verstehe sich ebenso von selbst. Bei diesen und auch den Sesselleisten oder Vertäfelungen mache eine wirklich gute Vorarbeit im Abschleifen einen großen Unterschied, ergänzt Stern: „Oft sind dort so viele Farbschichten drauf, dass die Profile weniger filigran wirken, das sieht dann wie Plastik aus“, erklärt sie.

Auch das Herausreißen der Wände und Verändern der Kubatur ist erlaubt, sofern es statisch möglich ist. Wobei die neu geschaffenen Räume durchaus als solche erkennbar sein dürfen: „Da kann man Neues von Altem abgrenzen“. Erlaubt sei auch ein anderer Bodenbelag, und die Sesselleisten müsse man ebenfalls nicht unbedingt in den neuen Teil ziehen, meint Stern.

Die Böden

Der Gottseibeiuns in Stilaltbauten findet sich meistens auf dem Boden und heißt Laminat: „Das ist wirklich der absolute Super-GAU“, findet nicht nur Stern. Das habe nicht nur etwas mit der Optik, sondern auch mit der Haptik zu tun. Aber auch wenn man sich für echtes Parkett entscheidet, kann man mit dem falschen Untergrund noch Fehler machen. „Unter altem Parkett sind Holzbohlen und eine Kiesschüttung“, erklärt Moosmann. „Bei Renovierungen nehmen Bauträger oft diesen Boden heraus und ersetzen ihn durch Estrich. Aber Estrich federt nicht, und damit geht es sich ganz anders als auf einem Brettboden mit Kies.“

Der Trend geht momentan wieder in Richtung breitere Bohlen. Kleinteiliges Stäbchenparkett ist out, „der neueste Trend ist jetzt französisches Fischgrät“, weiß Kaswurm. „Das kennt in Wien im Moment noch kaum jemand, in Paris hat es aber jetzt fast jeder, und es wird schon Werbung dafür gemacht, das sieht wirklich ganz toll aus.“
Und wo darf im Stilaltbau gespart werden, wenn das Budget nicht von Anfang an für alles reicht? „Bei den Möbeln“, sind sich alle Experten einig. Im Zweifelsfall spräche überhaupt nichts dagegen, es erst einmal bei einer Ikea-Küche und schwedischen Lampen bewenden zu lassen und die verfügbaren Mittel in Böden, Decken und Wände zu investieren. Und eben unbedingt die 50 Euro mehr pro Quadratmeter in ein Parkett zu investieren, statt über Laminat auch nur nachzudenken.

Was Sie beachten sollten beim . . .

Renovieren von Stilaltbauten

Tipp 1

An der Decke. Wer sich für eine Deckenabhängung entscheidet, um darin beispielsweise Beleuchtungskörper unterzubringen, sollte unbedingt darauf achten, diese nicht ganz bis zum Rand zu ziehen. Damit geht nämlich die klassische Rundung verloren, die den besonderen Charme der Räume ausmacht. Hört man 20 Zentimeter früher auf, ist diese Rundung nicht nur zu sehen, sondern erstrahlt auch besonders schön in indirektem Licht.

Tipp 2

An den Wänden. Bei den Sesselleisten und Türrahmen zahlt sich ein wenig Extra-Arbeit aus. Macht man sich die Mühe, diese Profile wirklich sorgfältig abzuschleifen, wird ihre filigrane Struktur nach dem erneuten Lackieren – für das derzeit übrigens matte Lacke sehr angesagt sind – wieder sichtbar.
Spart man hier an Aufwand und spendiert nur eine neue Schicht
Farbe, sieht das Ergebnis oft aus
wie Plastik.

Tipp 3

Auf den Böden. Obenauf sollte es für Altbau-Aficionados natürlich echtes Parkett und keinesfalls Laminat sein, derzeit besonders in breiterer Optik. Aber auch das Darunter spielt eine Rolle: Werden die alten Holzbohlen und die Kiesschüttung, die sich in den meisten Altbauten findet, durch einen Estrichboden ersetzt, geht einiges an Flair verloren. Dieser federt nämlich nicht – und damit geht es sich ganz anders als auf den Klassikern.

 

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