Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentare Artikel senden Senden

Von Ferngespräch zu Fernsicht

28.04.2017 | 18:14 |  Daniela Mathis (Die Presse)

In der Berggasse 35 liefen einst die Drähte heiß, in Zukunft soll die frühere „Telefon Centrale II“ vor allem Wohnungen beherbergen – mit teilweise extravaganten Raumhöhen.

Rohbau anno 1898, Rendering einer aktuell geplanten Wohnung auf zwei Ebenen im ehemaligen Hauptsaal.
Rohbau anno 1898, Rendering einer aktuell geplanten Wohnung auf zwei Ebenen im ehemaligen Hauptsaal. / Bild: (c) Stix/Einwaller 

Fast sechs Meter hoch, 600 m2groß: Im eindrucksvollen Hauptsaal der Berggasse 35 walteten und schalteten einst die Fräulein vom Amt, um Wiens Anrufer und Empfänger zusammenzubringen – durch Stecken eines Stöpsels im sogenannten Klappenschrank. Das benötigte nicht nur Zeit und Arbeitskraft, sondern auch Platz.

Viel Platz auf insgesamt vier Ebenen, der nun zu Wohnraum werden soll. Erbaut wurde die Telefonzentrale 1897/98 für 3000 Anschlüsse, mit Turm (der 448 Leitungsdrähte wegen und als Pendant zum Turm des Polizeigebäudes Berggasse 43) samt Turmuhr von Franz von Neumann im klassischen Ringstraßen-Stil.

 

Wien im Blick

An einem Nachmittag im Frühling 2017, die Turmuhr zeigt keine Zeit mehr an, betritt man ein fast leeres Gebäude: Nur noch ein kleiner Teil wird als Büro genutzt. Das soll auch so bleiben – hier laufen Kabelstränge zusammen, die zu übersiedeln nicht sinnvoll wäre. Doch der Großteil der Räume wartet, leer und entkleidet, auf bessere Zeiten. Holzböden und Ziegelgewölbe liegen bloß, die Decken zeigen ihr Innenleben aus Holz und Stroh. „Im Sommer soll es losgehen“, meint Reinhard Stix von Stix und Partner Immobilien. Dabei ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Nicht nur, weil das Gebäude historischen Wert hat, sondern „auch weil die hier benutzte Technik sensibel gegenüber Staub und Erschütterungen ist“, so Stix. Beides wird sich bei der Umwandlung der drei historischen Geschoße und der Errichtung des neuen Geschoßes nicht ganz vermeiden lassen.

Denn es wird nicht einfach nur renoviert. Die unteren beiden Geschoße werden als Gewerbeflächen bestehen bleiben, der Innenhof zum Teil zu einer Parkierungsanlage. Auf dessen begrüntem Dach – auf Höhe des zweiten Simses, also ober dem ersten Stockwerk – beginnt die Wohngeschichte des Gebäudes. Erschlossen wird das Haus wie bisher über die beiden altehrwürdigen Stiegenhauser. Obenauf kommt ein Dachgeschoß mit Terrassen, das sich an der Höhe des adaptierten Turms (er soll seinem Gegenüber wieder gleichen) orientiert, sich aber vornehm, mit viel Glas und Leichtigkeit, von der alten Fassade zurückzieht.

 

Keine gleicht der anderen

So entstehen 30 Einheiten, von der Zweizimmerwohnung zwischen 50 und 75 m2 über das zweigeschoßige Refugium im alten Klappensaal bis zum 300-m2-Dachausbau mit Pool obenauf. „Durch die unterschiedlichen Gegebenheiten sind alle Objekte, auch die kleineren, ein wenig anders, es gibt keine zwei gleichen“, erklärt Stix. Jeder Stock weist eine andere Raumhöhe – zwischen 2,60 und 5,50 Meter – auf. Fenster, Turmwände oder andere tragende Wände gaben die Grundstruktur vor, nach denen die Planer vorgingen. Dabei wurde darauf geachtet, den zum Teil engen Raum zwischen tragenden Elementen möglichst sinnvoll zu nutzen. So entstehen auf einem bisherigen Gang die Bäder der Wohnungen. Wo möglich, sind auch Freiflächen eingeplant. Im Topsegment findet man Objekte über 200 m2, mit diversen Extras wie Einlegerwohnung, Turmzimmerbibliothek oder Schmutzküche (Ergänzung zur repräsentativen Küche). Und mit vielen Möglichkeiten, den Blick auf Wien zu genießen: Die Terrassen sind meist höher als die Dächer der Umgebung, die laut derzeitigem Plan nicht aufgestockt werden sollen. „Die Sicht auf Leopoldsberg und Stephansdom ist uneingeschränkt“, freut sich Stix.

Die klassische Ringstraßen-Fassade bleibt erhalten, ebenso die Optik des Eingangsbereichs mit den klassischen Fenstertüren, den Treppen sowie dem imposanten Stiegenhaus (die zwei Lifte werden generalsaniert) – und, selbstredend, die in Stein gemeißelte, gülden gefärbte Inschrift, die bestätigt, dass Kaiser Franz Josef I. am 23. Juni 1899 die Telefonzentrale mit seiner Anwesenheit beehrte. Was der Modernisierungsgegner wohl von der Entwicklung hielt?

1905 begann die Automatisierung, 1928 gab es schon 100.000 Anschlüsse in Wien, mit Nummern aus Buchstabe und Zahlen; die letzte händische Vermittlung wurde 1972 abgeschaltet. Das Wort Klappe für Durchwahl erinnert aber auch in Smartphonezeiten noch an die Anfänge des Telefonierens. Und Häuser wie die Berggasse 35.

ZUM HAUS

1899 eröffnete die Telefonzentrale (als zweite nach der k. k. Telegrafen Centrale am Börseplatz, ebenfalls kürzlich zu Wohnraum umgestaltet), erbaut von Franz von Neumann im Ringstraßen-Stil. Vor möglichen Änderungen des Grundwasserspiegels wurde das Haus damals mit einer 50 cm starken Betonwanne geschützt. Nun entstehen in den zwischen 2,50 und sechs Meter hohen Räumen Wohnungen zwischen 50 und 300 m2, zwei Geschoße werden hinzugefügt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2017)