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Holzhäuser wollen hoch hinaus

28.09.2017 | 18:34 |  von Ursula Rischanek (Die Presse)

Baustoffe. Ein Rekord folgt dem anderen – die Jagd auf den Titel des höchsten Holzhauses der Welt ist voll im Gange. Im kommenden Jahr könnte er an Wien gehen.

Noch steht das derzeit höchste und zugleich massivste Holzhaus der Welt in Kanada. Das 18-stöckige und 53 Meter hohe Brock Commons Tallwood House an der Universität von British Columbia (UBC) in Vancouver wurde in diesem Sommer offiziell eröffnet. Das Studentenheim bietet nicht nur rund 400 Studenten Platz: Das Holzhybridhaus aus massivem Holz, Beton und Stahl beherbergt auch ein sogenanntes Living Lab, in dem junge Fachkräfte zusammen mit Fakultätsmitgliedern und Industriepartnern am Design, der Entwicklung und Konstruktion von neuen Hochhäusern arbeiten. Mit dem Vorarlberger Architekten Hermann Kaufmann war übrigens ein rot-weiß-roter Fachberater für Holzbauweise an Bord.


Nachfolger in Startlöchern

Nur zwei Meter niedriger ist der bisherige Weltrekordhalter: 51 Meter und 14 Etagen hoch ist das Treet (Baum) genannte Wohngebäude in Bergen. Sämtliche tragenden Konstruktionen bestehen aus Holz, jede fünfte Etage ist eine verstärkte Spezialetage, die eine Betonplatte trägt. Für genügend Steifheit sorgt tragendes Fachwerk, das im Norden und Süden mit Glas und im Osten und Westen mit einer Cortenstahl-Fassade verkleidet ist.

Bald werden diese beiden Gebäude in der Weltrangliste der höchsten Holzhäuser einen Rang nach hinten rutschen und einem neuen Rekordhalter Platz machen müssen – der noch dazu in Wien steht. Voraussichtlich nächstes Jahr wird das HoHo in der Seestadt Aspern fertig gestellt. Mit 24 Stockwerken und 84 Meter Höhe wird es noch um einiges höher sein als die beiden genannten Gebäude und auf rund 20.000 Quadratmetern Mietfläche ein Restaurant, ein Hotel, Apartments, Büroflächen und Wellness- beziehungsweise Gesundheitsbereichen Platz bieten. Architekt Rüdiger Lainer setzt auch beim HoHo auf eine Hybridbauweise aus Holz und Beton, der Holzbauanteil ab dem Erdgeschoß liegt bei 75 Prozent.

Wie lange sich das HoHo den Titel sichern kann, ist ungewiss. Ebenfalls in Vancouver soll demnächst mit dem Bau des „Terrace House“ begonnen werden. Das Wohngebäude, das vom japanischen Architekten Shigeru Ban geplant wurde, soll 19 Geschoße und 71 Meter hoch werden. Zum Einsatz kommen neben Holz wieder Glas und Beton. In Schweden hat die grün-liberale Zentrumspartei unter der Führung von Annie Lööf gemeinsam mit dem schwedischen Architekten Anders Berensson ein Konzept für ein 133 Meter hohes Holzhaus vorgelegt. Das Trätoppen genannte 40stöckige Gebäude soll auf das Dach eines siebengeschoßigen Parkhauses, das in den 1960er Jahren errichtet wurde, gestellt werden. 250 Wohnungen mit jeweils 50 Quadratmetern Wohnfläche sind in dem Turm geplant, das Parkhaus soll ebenfalls zu Wohnungen, Restaurants und Geschäften umgebaut werden. Wann und ob das Projekt tatsächlich realisiert wird, ist allerdings fraglich.

Aber es geht noch höher: Im Vorjahr haben Forscher der Universität Cambridge, das Londoner Architekturbüro PLP und die Bauingenieure Smith and Wallwork Pläne für einen 80-stöckigen, 300 Meter hohen Holzturm in der britischen Hauptstadt vorgelegt. Mit dem sogenannten Barbican soll der Startschuss zum Bau einer ganzen Reihe von Holzhäusern gegeben werden, die die Cambridge Universität mit internationalen Ingenieuren entwickelt. Ebenfalls 80 Geschoße soll der River Beech Tower in Chicago haben, wenn es nach den Plänen der Architekten Perkins+Will geht. Nicht ganz so hoch, aber seit April in Bau, ist das nach seiner Fertigstellung vorläufig zweithöchste Holzhochhaus der Welt, der Mjøstårnet in der norwegischen Stadt Brumunddal. Vorgesehen sind 18 Stockwerke und 80 Meter Höhe. Neben Wohnungen, Büros und einem Konferenzsaal wird es dort auch ein Hotel, ein Restaurant, ein Fitnessstudio sowie eine gemeinschaftliche Dachterrasse geben.

Baubeginn soll noch heuer auch für das erste von zwei Holzhochhäusern im französischen Bordeaux sein. Der 18-geschoßige Wohnbau mit 57 Metern Höhe wird gemeinsam mit seinem 50 Meter hohen Nachbarn ein Landmark für das neue Stadtviertel Euratlantique sein.


Ideale Materialeigenschaften

Dass Holzhäuser nun so in die Höhe streben, liegt nicht nur an den ökologischen Eigenschaften des Werkstoffs. Der nachwachsender Rohstoff hat trotz seines geringen Gewichts eine überaus hohe Festigkeit und besitzt darüber hinaus gute Dämmeigenschaften. Weiters ist der Energieaufwand bei der Verarbeitung deutlich geringer als bei Stahl oder Beton. Und: Holz zeichnet sich durch eine hohe statische Qualität aus, Massivholzelemente sind besonders stabil und tragfähig. Außerdem können sie mit Hilfe moderner Fertigungstechnologien einfach und leicht bearbeitet und sogar gekrümmt geformt werden. Dazu kommt ein hoher Vorfertigungsgrad, der eine rasche und effiziente Bauweise ermöglicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2017)