Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentare Artikel senden Senden

Netzwerke für mehr Lebensqualität

09.02.2018 | 21:56 |  von Ursula Rischanek (Die Presse)

Initiativen. Haustiere sitten, ein Packerl übernehmen oder Werkzeug ausborgen – herrscht unter Nachbarn gutes Einvernehmen, sind Probleme wie diese schnell gelöst. Über spezielle Plattformen kann man sich vernetzen.

Symbolbild.
Symbolbild. / Bild: (c) Clemens Fabry 

Man will am Wochenende rasch ein Regal zusammen bauen, doch plötzlich macht die Bohrmaschine keinen Mucks mehr. Oder man liegt krank im Bett, der Kühlschrank ist leer und der Hund muss ausgeführt werden. In Fällen wie diesen sind Nachbarn, die einem aus der Patsche helfen, Goldes wert. Was am Land noch vielerorts eine Selbstverständlichkeit ist, scheitert häufig an der Anonymität der Großstadt. „Damit bleibt ein riesiges Potenzial ungenützt“, sagt Stefan Theißbacher.

 

Unentgeltliche Hilfe

Um dieses auszuschöpfen, hat er gemeinsam mit drei Partnern vor drei Jahren die Nachbarschaftshilfe-Plattform www.FragNebenan.com gegründet. Mittlerweile werden damit nicht nur in Wien, sondern auch in Wien, Graz, Innsbruck, Salzburg, Klagenfurt, Linz, Mödling, Kapfenberg und Leoben Nachbarn verknüpft. Wobei Theißbacher den Begriff „Nachbarn“ weiter definiert: „Bei uns sind das Personen, die im selben Haus und im Umkreis von 750 Metern leben“. Rund 55.000 User gibt es bereits österreichweit, die meisten davon, nämlich 45.000, sind in Wien. Das Konzept von FragNebenan ist einfach. Man postet seine Frage online in die Nachbarschaft und wer helfen kann und will, antwortet. „Die Nachbarschaftshilfe ist kostenlos. Die Idee ist, einander einen Gefallen zu tun, und nicht, Geld zu verdienen“, betont Theißbacher, der seine Plattform als Kontaktbörse und Kommunikationsmittel versteht. Vier Themen dominieren die Plattform: Neben der Nachbarschaftshilfe im engeren Sinn – also Blumen gießen im Urlaub, Ausborgen von Werkzeug oder Ähnlichem, Haustiere sitten oder Einkäufe erledigen – geht es regelmäßig auch darum, Leute kennenzulernen oder Informationen auszutauschen. „User, die gerade umgezogen sind, fragen häufig nach guten Ärzten oder Lokalen in ihrer neuen Umgebung“, erläutert Theißbacher. Im Zusammenhang mit Umzügen würden oft Umzugskartons gesucht oder Möbel verschenkt. Das Themenspektrum wird jedoch zunehmend breiter: „Dazu gehört etwa das Thema Bürgerbeteiligung“, erklärt der Plattform-Gründer. Dabei gehe es beispielsweise darum, Mitstreiter für verkehrsberuhigende Maßnahmen wie Tempo 30-Zonen oder für Schutzwege zu finden.

 

Dienstleistungen und Mini-Jobs

In dieser Weise Nachbarn zu vernetzen, ist auch das Ziel der ebenfalls in Wien aktiven Internetplattform www.neighbours.help, nach eigenen Angaben Wiens erste und einzige Vermittlungsplattform für Hilfesuchende, kleine Dienstleistungen und Mini-Jobs. Hier kann man Aufträge sowohl unentgeltlich als auch entgeltlich erledigen. Und da lauert ein Stolperstein: „Die Nachbarschaftshilfe endet dort, wo die Entgeltlichkeit beginnt“, warnt Christian Wilplinger, Partner bei Deloitte Österreich. Wer also für seine Dienstleistungen Geld kassiert und die Einnahmen nicht versteuert, kann rasch als Schwarzarbeiter gelten. Doch es gibt Ausnahmen: Einkommen von weniger als 11.000 Euro pro Jahr sind von der Steuerpflicht befreit. „Und Dienstnehmer können zusätzlich zu ihrem Gehalt 730 Euro im Jahr steuerfrei dazu verdienen“, sagt Wilplinger. Wird diese Grenze überschritten, müssen auch sie Einkommensteuer berappen. Selbstständige hingegen müssen sämtliche Nebeneinkünfte sofort versteuern und grundsätzlich auch Sozialversicherungsbeiträge abführen. Darauf werde mit entsprechenden Informationen auf der Plattform hingewiesen, betont Patrick Schranz, Gründer von NeighboursHelp.

 

Unterstützung mit Zeitkonto

Von einer etwaigen Steuerpflicht ausgenommen sind auch jene Nachbarschaftshilfe-Modelle nicht, die auf Gutscheinen oder Zeitgutschriften basieren. Wie jenes von „Wir Gemeinsam“. Der Verein mit rund 2000 Mitgliedern ist vor allem in Oberösterreich aktiv. Sie unterstützen sich im Bedarfsfall unter anderem bei kleinen Arbeiten in Haus und Garten. „Dabei handelt es sich um soziale, praktische Hilfsdienste wie das Ankleben einer losen Fliese im Bad“, erläutert Angelina Klepatsch von „Wir Gemeinsam“. Die Abrechnung erfolgt über die Zeitbank: Wer anderen eine Stunde hilft, erhält eine Gutschrift von einer Stunde auf seinem Zeitkonto und kann damit wieder eine Stunde Hilfe beziehen. „Bei der Nachbarschaftshilfe ist jede Stunde gleichwertig“, so Klepatsch. Wie Theißbacher merkt auch Klepatsch, dass die Mitglieder zunehmend nicht nur Hilfestellungen in Anspruch nehmen, sondern immer öfter über die Plattform Partner für gemeinsame Unternehmungen suchen. „So sind schon viele Freundschaften entstanden“, weiß Klepatsch.

Wo Sie fündig werden bei. . . ...Nachbarschaftshilfe

Tipp 1

Überregional. Die Nachbarschaftshilfe-Plattform www.FragNebenan.com ist in mehreren österreichischen Städten aktiv. Dazu gehören Wien, Graz, Innsbruck, Salzburg, Klagenfurt, Linz, Mödling, Kapfenberg oder Leoben. Die Plattform versteht sich als Kontaktbörse und Kommunikationsmittel, auf der entgeltlos kleine Leistungen ausgetauscht werden. www.fragnebenan.com

Tipp 2

In Wien. www.neighbours.help versteht sich als Vermittlungsplattform für Hilfesuchende, kleine Dienstleistungen und Mini-Jobs. Aufträge können sowohl unentgeltlich als auch entgeltlich angeboten und bezogen werden. Die Angebote sind in neun Rubriken gegliedert, die über Betreuung oder Nachhilfe bis hin zu Transporten reichen. www.neighbours.help

Tipp 3

In Oberösterreich. Der Verein „Wir Gemeinsam“ hat rund 2000 Mitglieder, die sich gegenseitig bei kleineren sozialen und praktischen Hilfsdiensten unterstützen. Abgerechnet wird über ein Zeitkonto, auf dem Soll und Haben verzeichnet sind. Jede Stunde ist gleichwertig. Die Plattform bringt auch Gleichgesinnte für Unternehmungen zusammen. www.wirgemeinsam.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2018)