Ganz oben: Penthouses in Wien

07.04.2011 | 08:57 |   (DiePresse.com)

Letzter Stock: Über den Dächern muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Ist die Baubewilligung erst inmal erteilt und eine architektonisch ansprechende Lösung gefunden, steht dem Blick über die Stadt nichts mehr im Wege.

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Dachausbauten und Penthäuser gehören zu den begehrtesten Objekten auf dem Markt für Luxusimmobilien. Für Wiener Toplagen – sprich für den ersten Bezirk – kann selbst für einen Rohdachboden ein Quadratmeterpreis von 4.000 Euro verlangt werden. Fertige Dachausbauten sind für einen Preis von 15.000 Euro und aufwärts pro Quadratmeter zu haben. Doch bis Traumrückzugszonen über den Dächern der Stadt realisiert sind, kann – angesichts der rechtlichen Rahmenbedingungen – einiges an Zeit vergehen. Noch vor einigen Jahren wären viele Projekte, die jetzt verwirklicht werden, als unwirtschaftlich angesehen worden, so Gerhard Binder vom Architekturbüro „t-hoch-n/Binder, Wiesinger, Pichler“. Mit der Wirtschafts- und Finanzkrise habe hier allerdings ein Umdenken eingesetzt: „Es gibt jetzt wesentlich mehr Interessenten, und sehr viele Projekte werden umgesetzt“, so der Architekt. Viele Kunden würden Geld aus anderen Veranlagungsformen abziehen und stattdessen in Immobilien investieren. „Die Entwicklung gibt ihnen recht“, spricht er die Tatsache an, dass im Luxussegment immer höhere Preise verlangt werden. Nachsatz: „Sofern die Lage auch gut ist.“

Die Architekten von t-hoch-n sehen sich als Dachbodenspezialisten, was laut Binder auch etwas mit Glück zu tun hat. „Wir sind vor vielen Jahren in das Thema hineingekommen, bevor es kompliziert geworden ist“, erklärt er und spricht damit die mittlerweile deutlich strengeren rechtlichen Vorschriften wie zum Beispiel jene der Wiener Bauordnung an. Die Merkblätter zur Bauordnung legen etwa fest, wie hoch die Mörteldruckfestigkeit bei Ziegelwänden sein muss, was angesichts des hohen Anteils alter Bausubstanz vor allem in Wien ein Problem darstellt. Dazu kommen Vorgaben, was die sogenannte „Einbindetiefe“ des Fundaments betrifft. Inwiefern die vorgeschriebenen Anforderungen gegeben sind, muss durch Experten ermittelt werden. Dabei können Kosten bis zu mehreren zehntausend Euro anfallen, obwohl es alles andere als sicher ist, dass tatsächlich gebaut werden darf. Nicht selten kommt es vor, dass sich ein Dachausbau gar nicht rechnet, da zuerst das ganze Haus saniert werden müsste, um eine Baugenehmigung zu bekommen.


Zwiegespräch

Ist die Bewilligung jedoch erteilt, kann es losgehen: „Das Wichtigste ist, dass sich der Bewohner und der Architekt gut verstehen“, so Arkan Zeytinoglu, Besitzer des gleichnamigen Architekturbüros, zu einer Grundbedingung für erfolgreiche Arbeit. Im Falle des Dachausbaus in Wien Mariahilf hat die Chemie jedenfalls gepasst, denn das Projekt wurde für Freunde verwirklicht. Konkrete Vorstellungen haben diese laut Zeytinoglu im Vorfeld nicht gehabt. „Man muss sich die Bewohner vorstellen und mit sich selbst ins Zwiegespräch treten“, so der Architekt über seine Vorgehensweise. Die besondere Herausforderung sei dabei, dass Luxus sehr privat und individuell ist. Durch einen zusätzlichen Einschnitt ins Dach konnten zwei Dachterrassen gewonnen werden. Die größere misst 80 Quadratmeter und ist über eine Wendeltreppe zu erreichen. Das Penthouse selbst ist 300 Quadratmeter groß. Auffallend ist die Kombination aus italienischem Design und Tischleranfertigungen. Ein besonderes Highlight ist der Spa-Bereich, zu dem Whirlpool, Sauna und Dampfbad gehören. Ein LED-Beleuchtungssystem macht hier laut Zeytinoglu Farbschattierungen im Pastellbereich möglich.


Rundungen

„Einiges ausprobiert“ hat nach eigenen Angaben das Architektenteam „RaU“ – das sich aus Manfred Rudy und Anke Uliczka zusammensetzt – bei der Gestaltung eines Dachaufbaus mit zwei Maisonetten am Wiener Alsergrund. Das bezieht sich sowohl auf die für Dachbauten ungewöhnlichen Rundungen in den oberen Innenräumen der zweigeschoßigen Wohnungen als auch auf die technische Ausstattung. Zu Letzterer gehört etwa die Fußbodenheizung, durch die im Sommer zwecks Kühlung der Wohnung auch kaltes Wasser laufen kann. „Wir mussten bei der Planungsarbeit wirklich intensiv forschen“, so Rudy.
Die sehr exponierte Lage verlangt praktisch nach der Nutzung der Sonnenenergie, wie Rudy meint. „Das nicht auszunützen wäre fast eine Sünde gewesen.“ Der oberhalb der Terrasse angebrachte Solarkollektor dient auch als Beschattungselement. Eine Doppelfunktion haben auch die großen verglasten Kipptüren. Bei schlechtem Wetter bieten sie in ausgefahrenem Zustand Schutz vor Regen. Als besondere Herausforderung bezeichnet Rudy das schräge Gründach, das unterhalb der oberen Terrassenebene angelegt wurde. Durch die freitragende Glasfassade fließt viel Licht in die Wohnräume, bestätigt der aus den USA stammende Architekt, der mit seiner Familie die kleinere der beiden Maisonetten bewohnt.


Intervention

Binder wollte nach eigenen Angaben keine großen Fremdkörper auf das „sehr schöne“ um 1870 fertiggestellte Gebäude im zweiten Wiener Gemeindebezirk draufsetzen. Dementsprechend treten auch nur die beiden Gaupen nach vorne. Sie sollen als dezente Intervention des 21. Jahrhunderts wahrgenommen werden. „Wichtig war es, viele Durchblicke und Ausblicke zu schaffen, um weit schauen zu können und Nutzern ein Gefühl der Großzügigkeit zu geben “, so Binder. Denselben Zweck hätten auch die Glastrennwände im Inneren des Dachausbaus. Realisiert wurden zwei Wohnungen: eine klassische Familienwohnung mit zwei Wohnebenen und eine zweigeschoßige Loftwohnung.

Im Loft steht die Badewanne unter einer offenen Stiege, der Nassbereich ist so direkt mit dem Wohnbereich verbunden. Das Waschbecken aus rohem Stahl wurde von Binder und seinem Team entworfen. Damit auch das nachmittägliche Sonnenlicht bis in das Badezimmer fällt, wurde der Steg, der sich in der zweiten Dachebene befindet, in Glas ausgeführt. Er verbindet den Arbeits- und Schlafbereich mit der kleinen Bibliothek.

Ebenso fällt ein vollständig verglastes Zimmer auf, das sowohl als Büro als auch als Gästezimmer verwendet werden kann. Für den Fall, dass gerade Besuch da ist, kann innen der Vorhang vorgezogen werden. Von den Terrassen der oberen Ebene gelangt man von beiden Wohnungen aus über eine Himmelstreppe auf eine Dachterrasse, von der aus man ein 360-Grad-Panorama genießen kann. Beschränkungen gibt es dann keine mehr.

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